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Wo alle Notrufe eintreffen: Ein Nachmittag bei der Basler Kantonspolizei

Einsatzzentrale Auf den Bildschirmen sehen die Polizisten, wo sich die Polizeiautos befinden und welche Fälle offen sind. Kenneth Nars

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Einsatzzentrale Auf den Bildschirmen sehen die Polizisten, wo sich die Polizeiautos befinden und welche Fälle offen sind. Kenneth Nars

Wer in Basel-Stadt die Notrufnummern 117 oder 112 wählt, landet auf der Einsatzzentrale der Kantonspolizei Basel-Stadt. Dort laufen alle Fäden zusammen.

Yen Duong
«Hier arbeiten Menschen für Menschen», steht vor dem Eingang der Einsatzzentrale der Kantonspolizei Basel-Stadt geschrieben. In der Einsatzzentrale sitzen vier Polizistinnen und Polizisten, die beinahe ununterbrochen das Telefon abnehmen. «Wer hat einen Notfall?», fragt der Polizist Rolf Trösch freundlich auf Deutsch und fängt dann plötzlich an, Französisch zu sprechen. Ein Mann am Steinentorberg hat die Notrufnummer 117 gewählt. Ihm sei das Auto aus dem Parkhaus Elisabethen gestohlen worden, sagt er.

13.46 Uhr. Trösch schreibt in ein Protokoll, was genau geschehen ist, hängt das Telefon auf und schaut auf einen seiner vier Bildschirme. Auf einer Stadtkarte sieht er, wo sich alle Polizeiautos befinden, welche Fahrzeuge gerade frei und am nächsten beim Parkhaus Elisabethen sind. Er nimmt Kontakt mit seinen Kollegen im Aussendienst auf, welche die nötigen Informationen per Funk erhalten. Kurze Zeit später trifft ein Polizeiwagen am Steinentorberg ein.
Dass ein Auto aus dem Parkhaus Elisa-
bethen gestohlen wurde, ist wegen des Protokolls nun auch für seine Kollegen in der Einsatzzentrale auf dem Display ersichtlich. Derzeit sind neben dem gestohlenen Auto noch folgende Fälle pendent: Ausreisserin am Spalenring, zwei jugendliche Diebe in der Ochsengasse, eine Hausdurchsuchung an der Nauenstrasse und zwei Zigeuner an der Burgfelderstrasse.
Seit 17 Jahren arbeitet Rolf Trösch bei der Kantonspolizei Basel-Stadt, 13 Jahre davon war er im Aussendienst. «Die Belastung auf der Strasse ist eine andere als in der Einsatzzentrale. Die Belastung hier ist eher, die erste Verantwortung zu haben», sagt er nachdenklich. Denn wenn man sich entscheide, aus einem Anruf keinen Polizeieinsatz zu machen und sich dies nachträglich als ein Fehlentscheid herausstelle, dann müsse man sich möglicherweise rechtfertigen.

Laut Trösch gehen pro Tag rund 400 Anrufe auf der Einsatzzentrale ein (auch interne), etwa 100 davon werden zu einem Fall. «Wir bekommen sehr viele Anrufe wegen Lärms. Diese haben aber weniger Priorität, als wenn ein Menschenleben in Gefahr ist.» Der Entscheid, die Polizei nicht vorbeizuschicken, sei dabei einfacher, als dies der anrufenden Person klar zu machen. Viele würden auch ihre Eigenverantwortung als Bewohner dieser Stadt nicht mehr wahrnehmen.
«Ich erhielt mal einen Anruf von einem Mann, der eine Patrouille verlangte, weil er ein Bett zügeln musste», erinnert sich Trösch schmunzelnd. Zudem komme es nicht selten vor, dass Personen mehrmals am Tag anrufen und die haarsträubendsten Geschichten erzählen würden, weil sie einsam seien. Letztes Jahr erhielt die Einsatzzentrale 130 000 Anrufe - Tendenz steigend. «Dahinter steckt ein gesellschaftliches Problem. Manche Menschen sind zu bequem, um Probleme selber zu lösen und rufen lieber die Polizei an», mutmasst Trösch. Gerade bei Lärmklagen sei dies spürbar: «Wenn ich frage, was denn der Nachbar dazu meint, antwortet die anrufende Person oft, dass sie doch gar nicht mit ihrem Nachbarn rede.»
15.24 Uhr. Eine Ladendetektivin am Aeschenplatz meldet einer Polizistin in der Einsatzzentrale, dass sie einen Dieb verfolge. Dieser nimmt das Tram der Linie 14 in Richtung Pratteln. Die Polizistin schickt eine Patrouille los und bleibt mit der Ladendetektivin in telefonischer Verbindung. Die Patrouille verfolgt nun das Tram. Die Polizistin informiert zur gleichen Zeit die Patrouille, dass sich der Dieb im vordersten Wagen befinde.
«In schlimmen Fällen müssen wir das Tram anhalten. Dieses Vorgehen wenden wir aber sehr zurückhaltend an, da es den ganzen Verkehr behindern könnte», meint Trösch. So schlimm wird es aber nicht: Die Polizistin gibt der Patrouille durch, dass das Tram an der Halstestelle St. Jakob wartet, dort wird der Dieb dann um 15.40 Uhr gefasst und auf den Polizeiposten Kannenfeld gebracht.

15.54 Uhr. Rolf Trösch nimmt einen Anruf entgegen und notiert in das Protokoll: «Ich bin in Trennung. Nun macht mein Mann Probleme.» Die Frau meldet der Einsatzzentrale nämlich, dass ihr Mann vor der Haustüre an der Güterstrasse im Gundeli stehe und klingle. «Was hat er an?», fragt Trösch. Sie antwortet, dass er etwas Rotes anhabe. «Ich werde Ihnen jetzt eine Patrouille schicken. Wenn er rein will, rufen Sie wieder an», empfiehlt er und legt auf.
Nun schaut Trösch in der Datenbank, ob der Mann bereits polizeilich bekannt ist und ob Kinder im Spiel sind. «Der Fall ist neu. Das Paar hat zwei Kinder», sagt er und scheint sich Gedanken darüber zu machen. Trösch gibt den Fall detailliert ins System ein. Das System schlägt verschiedene Massnahmen vor: Hier sei der Fall klar, dass man nur eine Patrouille hinschicke, erklärt er. Man könnte aber auch gleich den Krankenwagen rufen, einen Kriminalkommissär verständigen, einen Sozialpädagogen beiziehen oder eine Fahndung auslösen. Es gebe rund 300 Vorschläge, schätzt er.

Erneut wirft Trösch einen Blick auf seinen Bildschirm, um herauszufinden, welcher Polizeiwagen frei ist. In solchen Fällen würde die Einsatzzentrale meistens einen grösseren Wagen mit drei Polizisten an Ort schicken. Diese seien besser ausgerüstet. Um 16.00 Uhr ist ein Polizeiwagen an der Güterstrasse. Die Patrouille meldet der Einsatzzentrale, dass der Mann nicht mehr dort sei und dass man der Frau eine Notfallkarte abgegeben habe. Auf dieser Karte ist ersichtlich, wo sie Hilfe holen könnte. Trösch fragt sich, ob dies ein einmaliger Fall sei oder zu einem Dauerbrenner werde. Es gebe nämlich viele Fälle, die zu einem Dauerbrenner würden. Um 16.46 Uhr ist der Einsatz abgeschlossen.
Und schon kommt ein ähnlicher Fall hinein: Eine Polizistin in der Einsatzzentrale meldet ihren Kollegen, dass «ein Ex» die Wohnung an der Feldbergstrasse nicht verlassen wolle. Die Frau traue sich nicht in die Wohnung, weil er gewalttätig sei. Laut Trösch gibt es wegen häuslicher Gewalt viele Einsätze. «Es ist kein Tabuthema mehr. Die Frauen melden sich heutzutage und leiden weniger still vor sich hin als früher», sagt er. Während er dies sagt, schlägt sich seine Kollegin nebenan mit einem Anruf herum: «Nein, wir können doch nicht den Abfallsack entsorgen. Nein, das geht nicht. Sie wollen wirklich, dass wir den Abfallsack entsorgen?», fragt sie.

Trösch lächelt, schaut dann auf den Bildschirm und sieht, dass ein Auto beim Claragraben in eine Schulhauswand gefahren ist. Offenbar kam der Fahrer von den Pedalen ab. Apropos Auto: «Das gestohlene Auto im Parkhaus Elisabethen ist wieder aufgetaucht. Der Mann hat es einfach nicht gefunden, das ist in 99 Prozent der Fälle so», erklärt er.
Die Dienstschicht geht zu Ende. Rolf Trösch wird nun abgelöst. Der nächste Polizist hat nun eine zwölfstündige Nachtschicht vor sich und wird sich wohl noch mit einigen solchen Fällen auseinandersetzen müssen.

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