Interview Repol Wohlen
«Wir sind die Feuerwehr bei der Polizei»

Polizisten werden laut Marco Veil, Chef der Regionalpolizei Wohlen, immer häufiger ohne Respekt behandelt.

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Aargauer Zeitung

Marco Veil (40) sitzt in seinem Büro im Wohler Gemeindehaus. Seit Anfang Juni ist er Chef der Regionalpolizei Wohlen. «Es ist mir wichtig, auch selber noch draussen an der Front zu sein, Kontakt mit der Bevölkerung zu haben und mit meinem Team in den Einsatz zu gehen», sagt Veil. Neben den polizeilichen Aufgaben muss sich Veil in letzter Zeit auch vermehrt mit der Wohler Lokalpolitik auseinandersetzen. Sicherheit am Bahnhof, Patrouillen statt Radarkontrollen, zunehmende Jugendgewalt oder die gewünschte Aufstockung seines Polizeikorps um zwei Stellen beschäftigen ihn derzeit.

Herr Veil, fühlen Sie sich sicher, wenn Sie abends allein durch Wohlen gehen?

Marco Veil: Ja, ich persönlich fühle mich sicher in Wohlen. Ich habe aber Verständnis dafür, wenn zum Beispiel eine Frau ein mulmiges Gefühl hat, die in der Nacht beim Bahnhof vorbeigeht. Sicherheit ist ein sehr subjektiver Eindruck, jede Person nimmt dies unterschiedlich wahr.

Immer wieder wird die Forderung nach mehr Sicherheit am Bahnhof laut. Wie gefährlich ist es dort wirklich?

Veil: Wenn man die Situation in Wohlen mit Gemeinden ähnlicher Grösse wie Aarau oder Olten vergleicht, muss man feststellen: Bei uns am Bahnhof ist die Sicherheit gewährleistet. Das bestätigt uns auch die SBB aus ihrer Erfahrung an anderen Orten. Mit der neuen Videoüberwachung und der besseren Beleuchtung versprechen wir uns noch weitere Fortschritte.

Aus der Lokalpolitik kommt der Vorwurf, die Regionalpolizei würde am Bahnhof zu wenig Präsenz markieren.

Veil: Das muss ich klar zurückweisen, wir sind dort praktisch jeden Tag in Zivil oder in Uniform präsent. Vor allem in den Abendstunden ist der Bahnhof ein Schwerpunkt für uns. Eine flächendeckende Präsenz rund um die Uhr ist natürlich nicht möglich, wie es auch die absolute Sicherheit nicht geben kann. Aber wir nehmen das Bedürfnis der Leute nach Sicherheit am Bahnhof sehr ernst.

«Die Repol würde besser etwas mehr am Bahnhof patroullieren, statt Radarkontrollen zu machen und Parkbussen auszustellen», war kürzlich sinngemäss im Einwohnerrat zu hören.

Veil: Im Vergleich mit anderen Korps im Aargau macht unsere Regionalpolizei deutlich weniger Radarkontrollen pro Kopf der Bevölkerung. Ausserdem haben wir einen klaren Auftrag, unsere Leistungen sind durch den Vertrag mit den Gemeinden Büttikon, Dintikon, Dottikon, Hägglingen, Hilfikon, Uezwil, Villmergen, Waltenschwil und Wohlen eindeutig definiert.

Sie können als Polizeichef also nicht einfach Prioritäten festlegen und frei entscheiden, wo sie ihre Leute einsetzen wollen?

Veil: Nein, wir müssen unseren Leistungskatalog erfüllen, und ich kann auch nicht irgendwo Ressourcen «freischaufeln». Wir sind personell äusserst knapp dotiert. Für das letzte Heimspiel des FC Wohlen gegen Winterthur musste ich zum Beispiel sechs Polizisten einsetzen, die eigentlich Ruhetage hatten.

Gibt es wirklich keine Entlastungsmöglichkeiten oder Aufgaben, die Sie streichen oder abgeben könnten?

Veil: Leider nicht, darum brauchen wir auch zwei zusätzliche Polizeistellen. Mit dem Polizeigesetz wurden sehr viele Aufgaben an die Regionalpolizei delegiert, das wurde bei der Gründung der Repol Wohlen vor fünf Jahren vielleicht etwas unterschätzt. Ausserdem werden wir immer häufiger innerhalb des Pikettdienstes, also ausserhalb der eigentlichen Arbeitszeit, aufgeboten. Solche Ernsteinsätze haben stark zugenommen.

Ist die häufig gehörte Meinung also falsch, die Repol beschäftige sich nur mit «kleinen» Delikten?

Veil: Die Regionalpolizei hat eine andere Bedeutung bekommen. Die Repol ist die Feuerwehr der Polizei - wir sind oft als Erste am Einsatzort. Dort gilt es zu eruieren, was tatsächlich vorgefallen ist. Je nach Schwere des Deliktes müssen wir den Fall an die Kantonspolizei abtreten. Dies ist klar im Polizeidekret geregelt.

Das heisst, Sie fühlen sich nicht als «Polizist zweiter Klasse», weil Sie bei der Repol arbeiten?

Veil: Nein, auf keinen Fall. Ich schätze auch eigene Einsätze an der Front sehr. Ich denke, wenn jemand Hilfe braucht, ist es ihm egal, welche Polizei auftritt. Hauptsache die Polizei kommt .

Momentan wird diskutiert, im Aargau wieder eine Einheitspolizei zu schaffen, also Repol und Kapo zusammenzulegen.

Veil: Ich persönlich finde, wir sollten am heutigen Modell festhalten. Wir arbeiten gut mit der Kantonspolizei zusammen, die Aufteilung hat sich aus meiner Sicht absolut bewährt.

Sie sind seit 18 Jahren bei der Wohler Polizei - wie hat sich Ihr Beruf seither verändert?

Veil: Früher war der Respekt uns Polizisten gegenüber viel grösser, heute kommt es oft vor, dass wir angepöbelt oder beschimpft werden. Aus der Statistik der Bundespolizei geht hervor, dass im Jahr 2000 noch 774 Anzeigen wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte und Behörden verzeichnet wurden, im Jahre 2008 aber deren 2024 zu Buche stehen. Das ist eine Zunahme von mehr als 160%. Solche Zahlen sind bedenklich. Manchmal ist es schwierig, in diesen Fällen ruhig zu bleiben. Die Leute sind sich häufig nicht bewusst, dass hinter der Polizeiuniform auch ein Mensch steckt.

Erleben Sie diesen mangelnden Respekt primär im Umgang mit Jugendlichen?

Veil: Nicht nur, auch Erwachsene verhalten sich der Polizei gegenüber immer häufiger unanständig. Bei den Schülern und Lehrlingen haben wir mit unserem Jugendpolizisten gute Erfahrungen gemacht. Er ist oft auf Pausenplätzen und in Schulzentren präsent und damit erste Anlaufstelle für Jugendliche, Lehrer oder auch Eltern.

Wie reagiert die Schulleitung auf Polizisten auf dem Pausenplatz?

Veil: Sehr positiv, Schulleitung und Schulpflege schätzen unsere Präsenz. Der Jugendpolizist tritt manchmal uniformiert, manchmal zivil auf. Er wird von den Jungen akzeptiert und leistet mit seinem Einsatz einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Jugendgewalt oder Vandalismus.
Schulpflege, Einwohnerrat,

Gemeinderat: Sie stehen immer häufiger im Spannungsfeld der Wohler Lokalpolitik.

Veil: Das stimmt, und ich bin manchmal erstaunt, wer sich alles für die Repol Wohlen interessiert und Ideen, Vorschläge, oder Kritik äussert. Als ich im Sommer den Posten als Chef Regionalpolizei übernahm, habe ich nicht damit gerechnet. Es ist tatsächlich ein Spannungsfeld, von allen Seiten werden Forderungen und Bedürfnisse angemeldet. Und es ist schwierig, wenn man all diesen Ansprüchen gerecht werden möchte.