Bezirk Lenzburg
Verurteilter Aargauer Sex-Arzt spielt den Unwissenden

Ein Hausarzt aus dem Bezirk Lenzburg hatte über Monate hinweg Sex mit einer Praxisangestellten, die an Bulimie litt. Jetzt spricht der verurteilte Hausarzt und spielt gegenüber der Aargauer Zeitung den Unwissenden.

Silvan Hartmann
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Nach dem Freiämter Fall von Hausarzt Ingo Malm erschüttert ein weiterer Ärzte-Skandal den Aargau: Ein Hausarzt behandelte eine 22-jährige Praxisassistentin während 24 Monaten gegen Bulimie.

In dieser Zeit hatte der Hausarzt, der noch heute zusätzlich als Schularzt amtet, bis zu drei Mal wöchentlich Sex mit seiner jungen Patientin. Dabei redete er ihr stets ein, sie müsse den Geschlechtsverkehr zulassen, ansonsten wirke die Therapie gegen ihre Magersucht nicht. Für diese kassierte er sogar noch 17 000 Franken. Das berichtete der «Blick».

Er drohte mit Selbstmord

Die Aargauer Zeitung weiss: Laut gut unterrichteter Quellen handelt es sich beim verurteilten Allgemeinmediziner um einen Arzt aus dem Bezirk Lenzburg.

Im Jahr 2003 hatte das Bezirksgericht Lenzburg den Arzt wegen mehrfacher Ausnützung der Notlage und versuchter Nötigung zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 12 Monaten verurteilt.

Im Frühling bekam der Hausarzt einen fürsorglichen Freiheitsentzug aufgebrummt, weshalb er mehrere Tage in der psychiatrischen Klinik verbringen musste. Er drohte mit Selbstmord, nicht zuletzt auch gegenüber Patienten.

Weiteres Strafverfahren hängig

Der Hausarzt wurde 2003 auch der mehrfachen Verletzung des Berufsgeheimnisses für schuldig befunden. Ein Dokument, das der Aargauer Zeitung vorliegt, beweist, dass örtliche Behörden mindestens ansatzweise von den Fällen wussten.

So schiebt der Arzt in Du-Form schreibend einer Angestellten einer Behörde geheime Informationen der Patientin zu: «In gegenseitigem Vertrauen, im Wissen um meine Verletzung des Arztgeheimnisses und wirklich angewiesen auf Deine absolute Verschwiegenheit, übermittle ich Dir die Diagnosenliste meiner Patientin. Ich hoffe, Dir damit Deine Arbeit etwas zu erleichtern», schrieb der Arzt.

Versicherungsgelder erschlichen

Ausserdem versuchte der Arzt in mehreren Fällen, Versicherungsgelder zu ergaunern. Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass gegen den Hausarzt ein Strafverfahren zu Vermögensdelikten hängig ist.

Hierzu liegt der Aargauer Zeitung ein Dokument vor, bei dem der Hausarzt nach einem Autounfall einer Patientin bei der Versicherung Gelder einer Schleudertraumabehandlung geltend machte.

Dies, obwohl beim Unfall nur Blechschaden entstand und die Patientin kerngesund blieb. Sie erfuhr erst von ihrem angeblichen Schleudertrauma, als - zu ihrem Erstaunen - eine Kopie der Abrechnung ins Haus flatterte.

Bei der Anfrage der Aargauer Zeitung spielte der Hausarzt gestern den Unwissenden: «Welche Fälle meinen Sie? Ich kenne diese Fälle nicht.»

SVP reicht Interpellation ein

Die SVP hat nach Bekanntwerden des Falls eine Interpellation eingereicht: «Offensichtlich steht es mit der Aufsicht über die Ärzte im Aargau nicht zum Besten», sagt SVP-Grossrat Jean-Pierre Galatti, der bereits im Fall Malm aktiv wurde. Er, sowie Ärzte im Kanton, fragen sich: Warum darf ein solcher Arzt noch weiter arbeiten? Warum wird einem verurteilten Arzt die Berufsausübungsbewilligung (BAB) nicht entzogen?

«Ein solcher Entzug ist ein schwerer Eingriff in die selbstständige Ausübung der freien Praxistätigkeit. Entsprechend hoch sind die rechtlichen Anforderungen an einen Entzug. Zurzeit gibt es im vorliegenden Fall keine Gründe für aufsichtsrechtliche Massnahmen», sagt Balz Bruder, Sprecher des Departements Gesundheit und Soziales, gegenüber der Aargauer Zeitung.

Er betont jedoch, dass ein Fall wie jener von 2003 unter der heutigen Departementsleitung von Regierungsrätin Susanne Hochuli mit Sicherheit anders beurteilt würde und ein Verfahren mit entsprechenden Sanktionen zur Folge hätte.