Jüdischer Kulturweg

Synagoge, Mikwe, Matzenbäckerei

Mit dem jüdischen Kulturweg wird die Geschichte der Endinger und Lengnauer Juden sichtbar.

Silvan Merki

«Es ist ein Weg in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit», ruft Ruth Dreifuss den Gästen am Donnerstagnachmittag vor der Lengnauer Synagoge zu. Zusammen mit den Gemeindeammännern Lengnaus und Endingens - Kurt Schmid und Lukas Keller - enthüllt sie nach ihrer Rede die Tafeln im lauschigen kleinen Park in der Mitte des Platzes. Nicht ohne vorher der Musikgesellschaft für das Spielen des Ruth-Dreifuss-Marschs zu danken.

Die Alt-Bundesrätin liess aber auch den Onkel Melnitz zu Wort kommen, den Mahner aus Charles Lewinskys Roman, der sie daran erinnere, dass die Juden eher geduldet waren als integriert: «Sie waren dankbar, dass sie in Lengnau und Endingen leben durften. Richtig Wurzeln geschlagen haben viele jedoch nicht.» Dreifuss wies darauf hin, dass die meisten jüdischen Familien abwanderten, als sie 1866 von der Schweiz Niederlassungsfreiheit zugesprochen erhielten.

Tolerantes Nebeneinander

Die Synagoge und die Mikwe, das rituelle jüdische Tauchbad, beides ist noch in Endingen und Lengnau zu sehen. Die ehemals jüdischen Schulhäuser ebenfalls. Eine Matzenbäckerei, etliche Wohnhäuser mit den religionsgetrennten Eingängen und ein altes Schlachthaus zeigen, dass jüdisches Leben nicht im Verborgenen stattgefunden hat, sondern als tolerantes Nebeneinander auch in der Öffentlichkeit des dörflichen Lebens.

Viele bauliche Zeitzeugen erinnern heute daran, dass die jüdische Gemeinde in Endingen um 1850 mit 990 Menschen sogar eine Mehrheit der Wohnbevölkerung stellte, die 525 Lengnauer Juden machten immerhin 30 Prozent aus. Der neu geschaffene jüdische Kulturweg macht dieses kulturelle Erbe jetzt zugänglich. Er führt, ausgehend von den Synagogen Lengnaus und Endingens, zu den wichtigsten Bauwerken der beiden Dörfer und führt vorbei am dazwischenliegenden jüdischen Friedhof.

Basis für künftigen Dialog

«Es ist bei dieser Einweihung eine Premiere, dass der Lengnauer und Endinger Gemeindeammann zusammen auftreten.» Mit diesen launigen Worten und gleichfarbiger Krawatte demonstrierten Schmid und Keller, dass für sie die Verbindung ihrer Dörfer über den Kulturweg nicht nur eine historische ist, sondern in die Zukunft weist: «Wir wollen die schweiz-, ja weltweite Bedeutung des jüdischen Kulturguts in unseren Gemeinden als Basis für den künftigen, lokalen Dialog nehmen», schlugen sie den Bogen zur Kommunalpolitik.

Zwei Jahre lang hat eine Arbeitsgruppe unter Franz Bertschi die 21 Stelen gestaltet und produziert. Die Historiker Andreas Steigmeier und Franz Laube recherchierten die Fakten und schrieben die kurzen, prägnanten Texte. Fotograf Frank Reiser machte die Bilder. Der kantonale und nationale Heimatschutz ist Herausgeber des Prospekts. Bertschi vergass aber nicht, die Ideengeberin zu erwähnen: Den entscheidenden Impuls habe nämlich die Lengnauerin Erika Müller vor zweieinhalb Jahren gegeben.

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