Sexuelle Gewalt
Sexuelle Gewalt bleibt, Mittel dagegen ändern sich

Akute Häufungen von Sexualdelikten rufen Ohnmachtsgefühle hervor. Nebst der Nachbetreuung der Opfer setzen verschiedenste Fachstellen immer mehr auf Prävention.

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«Respekt ist Pflicht – für alle»

«Respekt ist Pflicht – für alle»

bz Basellandschaftliche Zeitung

Michèle Faller

«Ich weiss, was ich will.» Der Gesichtsausdruck des Mädchens ist ernst, die Haltung selbstbewusst. Die Plakatkampagne der Aktion «Respekt ist Pflicht - für alle» (Arip) wurde vor über zwei Jahren erstmals in Basel durchgeführt.

Seither hat sich das Projekt in der ganzen Schweiz ausgebreitet und weiterentwickelt; auch mit Angeboten für Buben. Am Samstag findet eine Tagung statt, an der vor allem der Frage nachgegangen wird, inwiefern die Aktion zur Prävention sexueller Gewalt und zur Stärkung von Mädchen und jungen Frauen beigetragen hat.

Arip ist als Reaktion auf die einseitige mediale Aufbereitung von Vergewaltigungen entstanden. Julia Büchele von Arip: «Die Medien stellten die Frage, ob die Mädchen zu naiv gewesen seien und selber zu ihrer Opferrolle beigetragen haben. Mit unserer Kampagne wollten wir ein Gegenbild zeigen und klarmachen, dass es nicht nur schwache, naive Mädchen gibt.»

Gleichzeitig wurden Workshops durchgeführt, um das Selbstbewusstsein der Mädchen zu stärken. «Sie lernten dort, Grenzüberschreitungen früh zu spüren», erklärt Büchele. Gleichzeitig werde mit den Plakaten der Öffentlichkeit suggeriert, dass man(n) sich Mädchen und Frauen nicht einfach nur nehmen könne.

Opfer handeln unterschiedlich

Ob sich die Präventionsarbeit bereits in den Statistiken niedergeschlagen hat, ist schwer zu sagen, denn auch in derjenigen des Kriminalkommissariats der Basler Staatsanwaltschaft ist die Dunkelziffer der Personen zu berücksichtigen, die nicht Anzeige erstatten. Einige Opfer unternähmen gar nichts. Andere gingen ins Frauenspital, um sich untersuchen zu lassen, oder zur Opferhilfe, und entscheiden dann, keine Anzeige zu erstatten, erklärt Kriminalkommissär Peter Gill. Wieder andere zögen alles bis zur Anzeige durch.

Die Anzahl Vergewaltigungen im Kanton Basel-Stadt ist mit etwa 35 pro Jahr in den letzten zehn Jahren mehr oder weniger stabil. Angezeigte sexuelle Handlungen mit Kindern und übrige Delikte gegen die sexuelle Integrität sind eher rückläufig, doch schwanken die Zahlen stark. Die relativ konstante Zahl der Vergewaltigungen der letzten zehn Jahre sage auf jeden Fall etwas aus, über die Dunkelziffer könne man jedoch immer nur spekulieren, betont Gill.

Auf die omnipräsente und drängende Frage, was man gegen die Vergewaltigungen tun kann, tendieren die Antworten vor allem in zwei Richtungen: Einerseits Nachbetreuung der Opfer, andererseits Prävention. Die Opferhilfe leiste Präventionsarbeit in Schulen, unterstütze aber vor allem Betroffene. Sie bieten medizinische Beratung, helfen beim Erstatten einer Strafanzeige, vermitteln Therapeutinnen und begleiten die Kundinnen bei Bedarf bis zum Strafverfahren, erklärt Sabine Jackwert von der Opferhilfe «Limit» (für von häuslicher oder sexueller Gewalt betroffene Frauen).

Auf die innere Stimme hören

«Seit dem Opferhilfegesetz von 1991 hat sich glücklicherweise viel verändert», stellt Kriminalkommissär Gill fest. Früher habe man sich vor allem auf die Täter eingeschossen und dabei die Opfer vergessen. Da die Gesellschaft heute sensibilisierter sei, mehr über Sexualdelikte gesprochen werde, und die Opfer besser gestellt seien, kämen vielleicht auch mehr Delikte zur Anzeige.

In punkto Prävention sind sich Staatsanwaltschaft und die Aktion «Respekt ist Pflicht - für alle» offenbar einig: «Eine innere Haltung und eine klare Botschaft helfen bereits lange bevor sich eine Gewalttat anbahnt», sagt Gill. Als junges Mädchen nicht zu zwei unbekannten Typen ins Auto zu steigen, sei ein extremes Beispiel. Generell gelte es, auf die innere Stimme zu hören. «Zu wissen, was man will, und was man nicht will, trägt dazu bei, gefährliche Situationen zu vermeiden.»

Arip-Tagung, 16. Mai, 9.30 Uhr bis 17 Uhr, anschliessend musikalische Häppchen mit rubinia djanes, Unternehmen Mitte. www.arip.ch