Schildbürgerstreiche
Seldwyla hoch drei im Surbtal

Lengnau – immer auf Trab: Die Surbtaler Gemeinde hat nicht nur ein Pferd im Wappen, das beim Öffnen der Homepage lauthals wiehert. Lengnau trabt auch mit Innovationen munter vorwärts – schnurstracks hinein nach Seldwyla.

Drucken
Teilen
Verkehrsberuhigung an der Vogelsangstrasse: Viele Autofahrer geraten auf die Gegenfahrbahn.
3 Bilder
Kommunikationssäule an der Kantonsstrasse: Eine Baubewilligung wurde nicht beantragt
Blaue Zone im Dorfzentrum: Die Polizei muss kontrollieren, ob die zulässige Zeit nicht überschritten wird

Verkehrsberuhigung an der Vogelsangstrasse: Viele Autofahrer geraten auf die Gegenfahrbahn.

Rosmarie Mehlin

Zu behaupten, in Lengnau wiehere der Amtsschimmel, ist falsch. Das Gegenteil ist der Fall. In Lengnau wird forsch vorwärts marschiert. Dass dabei nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch Recht und Ordnung auf der Strecke bleiben, scheint zweitrangig zu sein.

Ohne Bewilligung aufgestellt

Da ist zum Beispiel die Sache mit der fehlenden Baubewilligung für eine dunkle Kiste an der Kantonsstrasse, der so genannten «Kommunikationssäule», ein Blickfang für alle aus Richtung Tiefenwaag kommenden Verkehrsteilnehmer. Wo früher einfache Schilder auf die anstehende Papiersammlung, das Abstimmungswochenende, das Dorftheater und die neue Ausstellung im Dorfmuseum hinwiesen, wird nunmehr in Leuchtschrift orientiert.

Die roten Buchstaben sind allerdings relativ klein und ziemlich verschwommen. Bei Tempo 50 erfordert das Entziffern der Information einen Moment hoher Konzentration, was klar zulasten der Aufmerksamkeit in Richtung Fahrbahn geht. Vor allem aber hält sich die Säule, da wo sie steht, illegal: Die Gemeinde nämlich hat die zwingend nötige Bewilligung für die Platzierung der Säule in Aarau nicht beantragt und ergo wurde sie vom Baudepartement nicht erteilt.

Blau blüht nicht nur der Enzian

Hinter dem zweiten Schildbürgerstreich steckt ein Eimer blauer Farbe. Damit wurden auf den Asphalt des Dorfzentrums breite Streifen gemalt: Blaue Zone im 2500-Seelen-Dorf. Mit anderen Worten heisst es nun für Hausfrauen und Rentner im Volg, beim Beck, im Kafi, in der Bank, der Beiz einen Zacken zulegen und den Schwatz oder den Jass auf höchstens 90 Minuten begrenzen.

Na ja, das lässt sich ja machen. Aber die Kontrolle bringt der Regionalpolizei Zurzibiet zusätzlichen Aufwand. Denn was nützt eine blaue Zone, wenn nicht regelmässig überprüft wird, ob die zulässige Zeit nicht überschritten wird? Ergo müssen die Beamten aus Bad Zurzach öfter als bisher einen Abstecher ins Dorf des wiehernden Pferdes unter die Räder nehmen: Die Repol hat ja nichts Besseres zu tun. Oder?

Gefährliche «Beruhigung»

Sehr zu hoffen ist, dass die Beamten nicht öfter zu einem Unfall an die Vogelsangstrasse gerufen werden. Dort hat die Gemeinde vor kurzem den dritten Streich in Form einer so genannte «Verkehrsberuhigung» vollbracht: Beim Einmünder in die Rebenstrasse wurden drei kleine Inseln leicht versetzt, aber sehr dicht beieinander auf die Vogelsangstrasse gepflanzt.

Vom Zentrum her fahrend, wird der Verkehrsteilnehmer von diesen unmittelbar hinter einer unübersichtlichen Rechtskurve überrascht. Damit soll er zum Bremsen gezwungen werden. Fakt ist indes, dass die allermeisten Zwei- und Vierradfahrer die Hindernisse ungebremst umkurven, was bedeutet, dass die von Baldingen kommenden Verkehrsteilnehmer sich unverhofft auf ihrer Fahrbahn mit einem entgegenkommenden Gefährt konfrontiert sehen. Und umgekehrt dito.

Zurzeit wird auf die an einen Kinderverkehrsgarten erinnernde Behinderung zwar kurz ober- und unterhalb noch mit einem «Neue Verkehrsführung»-Signal aufmerksam gemacht. Diese Signale sind aber ganz klar vorübergehender Natur. Was für Ortsunkundige nach deren Entfernung passieren kann - vor allem mit den auf dieser Strecke sehr zahlreichen Velofahrern - ist gelinde gesagt eine Horrorvision: Beim Anblick dieser drei Inseln müsste dem Lengnauer Gaul doch glattweg das Wiehern im Hals stecken bleiben. Denn dieser Schildbürgerstreich ist nicht nur der weitaus grösste und hanebüchenste von allen dreien, nein, dieser kann Leben gefährden.

Aktuelle Nachrichten