Pädophiler
Schlug der Päderast noch öfter zu?

Trotz Geständnissen des Täters schliesst die Staatsanwaltschaft weitere Fälle nicht aus Rund 25 Knaben hat ein Schweizer (54) im Laufe von 15 Jahre missbraucht. Am Montag konnte die Polizei die Verhaftung des vorbestraften Pädophilen bekannt geben.

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Aargauer Zeitung

Martin Reichlin, Andrea Trueb

Im Fall des Päderasten, der sich gemäss Mitteilung der Kantonspolizei Zürich an rund 25 Buben vergangen hat, sind noch Fragen offen. Bestätigt hat Ulrich Weder von der Staatsanwaltschaft IV für Gewaltdelikte, dass der Täter bereits einmal wegen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Knaben zu Gefängnis und Massnahmen verurteilt wurde - und diese auch durchlaufen hat. 1983 konnte der pädophile Schweizer die Strafanstalt verlassen.

Welcher Art die verhängten Massnahmen waren und ob der Täter etwa mit Trieb bremsenden Medikamenten behandelt wurde, wollte der Staatsanwalt indes nicht bekannt geben. Offenbar kam es aber zu keinem frühzeitigen Abbruch der Behandlung.

Sicher ist auch, dass bei der ersten Verhaftung keine Probe vom Erbgut des Triebtäters genommen wurde. Damals sei das Verfahren der DNA-Analyse noch nicht bekannt gewesen oder zumindest nicht grossflächig angewandt worden, sagt Weder. Hätte diese Methode zur Verfügung gestanden, wäre der Pädophile wohl bereits 1997 wieder zu überführen gewesen, als er beim Übergriff auf einen Knaben in Marthalen seine DNA hinterliess. So aber trieb er weiter sein Unwesen und missbrauchte bis 2005 rund 25 Knaben vor allem in der Region Ostschweiz, mit Schwergewicht im Kanton Zürich.

Angesichts der Beweise, welche gegen ihn gesammelt worden waren, habe der Verdächtige nach seiner Verhaftung im Januar 2009 die Geständnisse nur so purzeln lassen, gab die Polizei am Montag bekannt. Ob damit wirklich alle Übergriffe aufgedeckt wurden, ist aber fraglich. So sprach Polizeisprecher Martin Sorg von «weiteren Fenstern», die man während der Befragung des Täters noch hätte auftun können. Allerdings habe der Mann Erinnerungslücken geltend gemacht. Laut Staatsanwalt Weder wird nach weiteren Fällen aktiv gesucht.

Dazu könnte auch ein Fall aus dem Jahre 1997 in Oberglatt gehören. Ein damals 12-jähriger Knabe wurde während der Chilbi von einem Unbekannten missbraucht, als er für seinen Vater eine Bratwurst besorgen sollte. Eine Tat, die zum Vorgehen des Verhafteten passen könnte, suchte er sich doch seine Opfer gerne an Veranstaltungen wie Chilbi, Grümpelturniern oder Dorffesten aus. Auch bevorzugte er Knaben im Alter von 12 bis 15 Jahren.

Auf viele Fragen gibt die Staatsanwaltschaft aber (noch) keine Antwort. So bleibt unklar, weshalb der Täter trotz vermeintlich erfolgreich absolvierten Massnahmen wieder - und erst noch über Jahre hinweg - delinquent werden konnte.
Auch zur Frage, ob das früher ausgestellte Gutachten zu optimistisch formuliert war, wollte Weder keine Stellung beziehen. Er hält aber fest, dass dieser Beurteilung durch Forensiker bereits zur damaligen Zeit grosse Bedeutung zugemessen wurde. Sprich: Die Einschätzung der Gutachter hatte eine direkte Wirkung auf Strafmass und Massnahmen.

Die Schwierigkeit bei pädophilen Verbrechen sei, dass die Dunkelziffer relativ hoch sei und es relativ lange dauere, bis etwas ans Tageslicht komme, sagt Josef Sachs, Leitender Arzt der Forensischen Psychiatrie der Klinik Königsfelden. Sogar wenn der Täter während des Vollzugs der Massnahmen wieder straffällig geworden wäre, gebe es keine Garantie dafür, dass dies den verantwortlichen Therapeuten auffalle.

Unbeantwortet bleibt schliesslich auch die Frage, weshalb der Täter ab 2005 offenbar nicht mehr straffällig wurde. «Es gibt hochgefährliche Pädosexuelle, die nicht behandelbar sind und daher langfristig gesichert werden müssen», hält Frank Urbanjok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes beim Amt für Justizvollzug Zürich, in seinem Buch «Nachdenken über Straftäter» fest. Diese Hochgefährlichen seien aber seltene Ausnahmen.

Nicht wenige Pädosexuelle hätten dagegen einen Weg im Umgang mit ihrer Orientierung gefunden, ohne je straffällig zu werden. Andere erreichten mit deliktorientierten Therapien ein rückfallfreies Leben. Entgegen der landläufigen Meinung sei die Rückfallgefahr bei Pädosexuellen, die bereit sind, an sich zu arbeiten, auf ein sehr geringes Mass reduzierbar.