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Prozess um «Hanf-Lotti»: Brienzerin beteuert vor Gericht ihre Unschuld

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Eine 55-Jährige, die bis 2004 Hanfstecklinge in grossem Stil verkaufte, muss sich seit Montag vor dem Kreisgericht Interlaken-Oberhasli verantworten. Sie beteuert ihre Unschuld. Der Fall von «Hanf-Lotti» machte seinerzeit landesweit Schlagzeilen.

Angeklagt ist die frühere Chefin einer Gärtnerei wegen qualifizierter Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, ihr Mitarbeiter eventuell nur wegen Gehilfenschaft. Der Prozess soll vier Tage dauern. Am Donnerstag will Einzelrichter Thomas Zbinden das Urteil eröffnen.

Jahrelang verkaufte die Gärtnerei Hanfstecklinge an Einzelkunden und Grossabnehmer aus der ganzen Schweiz. Laut Anklageschrift erzielte sie damit allein in den letzten zweieinhalb Jahren einen Umsatz von mindestens 1,9 Millionen Franken. Der schwunghafte Handel endete im Mai 2004, als die Polizei bei einer Razzia mehr als 60'000 Stecklinge beschlagnahmte. Das Verfahren zog sich danach aus mehreren Gründen in die Länge.

Zum einen geriet zunächst die Oberländer Justiz ins Visier, weil sie die Hanfpflanzen voreilig vernichten liess - ohne ausreichende Rechtsgrundlage, wie das Bundesgericht später entschied. Zum anderen reiste die Hauptangeklagte Ende 2004 nach Sri Lanka und blieb nach dem Tsunami gleich dort.

Von Brienz nach Colombo

Sie engagiert sich seither als «unbezahlte Entwicklungshelferin», wie sie am Montag vor dem Richter in Thun ausführte. Die Frau hielt an ihrer Darstellung von 2004 fest, wonach sie beim Verkauf der Stecklinge nie daran gedacht habe, dass die Käufer die Pflanzen als Rauschmittel nutzen könnten.

Die Hanf-Stecklinge verkaufte die Frau nach eigenen Angaben, wenn sie einige wenige Wochen alt waren. Wer daraus Drogen gewinnen wollte, musste die Pflanzen also danach noch relativ aufwändig pflegen und aufziehen, im Herbst dann trocknen und die weiblichen Blüten ernten. «Ich habe die Leute nie gefragt, was sie mit den Pflanzen machen», beteuerte die Frau. «Das hat mich nicht interessiert.» Sie selber habe nie gekifft. Den Hanf habe sie für sich entdeckt, als sie auf der Suche nach einem Mittel gegen ihre Migräne-Anfälle gewesen sei.

Faszination des Hanfs

Die Pflanze habe sie stark fasziniert, und sie habe den Ehrgeiz entwickelt, möglichst alle Teile der Hanfpflanze zu nutzen. Bald habe sie auch heilende Selbe für Bekannte hergestellt, den «Hanftee vom Brienzersee» erfunden, Lebensmittel mit Hanf kreiert und vieles mehr. Das brachte ihr den Ruf einer Hanf-Pionierin ein.

Die Produkte habe sie auch wiederholt der Polizei vorgelegt, um sicher zu sein, dass sie nichts Verbotenes mache. Auch mit Bundes- und Kantonsbehörden habe sie Korrespondenz geführt und sich nach den einschlägigen Vorschriften für den Handel mit Hanfprodukten erkundigt. Sie habe das Gesetz stets einhalten wollen.

200'000 Franken entdeckt

Nebenbei verkaufte sie Zehntausende Stecklinge - und das wurde ihr zum Verhängnis. Wieviel sie damit verdiente, ist unklar. Vor Gericht gab die Frau an, sie habe pro Steckling zwischen einem und fünf Franken verlangt. Das sei angesichts der Herstellungskosten nicht viel. Bei der Hausdurchsuchung wurden seinerzeit rund 200'000 Franken in bar sichergestellt. Woher das Geld stammt, ist offen. Die Angeklagte macht geltend, es handle sich um Geld aus einer Erbschaft und um ihr anvertraute Spendengelder, die sie für ein Projekt in Sri Lanka zur Seite gelegt habe. (sda)

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