Neblig wars, noch dunkel und die Fahrbahn war nass. So die übereinstimmende Schilderung der Zeugen und Auskunftspersonen, die am Donnerstag vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen befragt wurden. Und im Grundsatz ist unbestritten, was an jenem Novembermorgen vor mehr als drei Jahren auf der Hauensteinstrasse unterhalb der Haarnadelkurve beim Rankbrünneli passierte: Ein damals 21-jähriger Schweizer aus dem Baselbiet versuchte mit seinem blauen Subaru Impreza nicht nur den unmittelbar vor ihm fahrenden VW Passat, sondern gleich auch noch ein Sattelmotorfahrzeug zu überholen. «Trotz widrigsten Sichtverhältnissen», wie es in der Anklageschrift von Staatsanwalt Pascal Flückiger heisst.

Prozess-Beginn: Am Mittwoch stand der Brutalo-Fahrer zum ersten Mal vor Gericht.

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Eine Frontalkollision war die Folge. «Aus dem Nichts sah ich auf meiner Strassenseite vor mir zwei Scheinwerfer auftauchen», sagte die Lenkerin des korrekt von Trimbach her entgegenkommenden Nissan Almera. «Ich dachte nur noch: ‹Läck, du Löl!› – und schon hat es gekracht!» Auf der Gegenfahrbahn habe sie neben sich noch schemenhaft die Umrisse eines Lastwagens ausmachen können, fügte die damals 42-jährige Frau aus Trimbach bei, die am Prozess als Privatklägerin auftritt und daher als Auskunftsperson und nicht als Zeugin befragt wurde.

Albträume und ewige Schmerzen

«Es ist ein Wunder, dass Sie hier sind», meinte Amtsgerichtspräsident Pierino Orfei, der aufgrund der Schilderungen des Opfers von einem Nahtod-Erlebnis sprach. Die Frau erlitt schwerste Verletzungen, insbesondere im Nacken- und Rückenbereich. Über ein halbes Jahr verbrachte sie im Paraplegikerzentrum Nottwil. Acht Operationen hat sie mittlerweile hinter sich, eine neunte steht bevor. Der Endzustand sei nicht absehbar, sagte sie gegenüber dem Gericht. Zu 100 Prozent arbeitsunfähig, kann die alleinstehende Frau, die von Suva-Taggeldern lebt, im Haushalt praktisch nichts machen. «Kochen und abwaschen ist so ziemlich das Einzige, was möglich ist.» Ein schmerzfreies Leben ist ihr nicht mehr möglich. Elf verschiedene Medikamente muss sie täglich zu sich nehmen. Dazu kommen nach Angaben des Opfers Albträume, die das Geschehen immer wieder aufrollen. «Beim Auftauchen der Scheinwerfer», so die Privatklägerin, «bricht der Traum jeweils ab.»

Unfallverursacher ohne Erinnerung

Der Unfallverursacher, dem der Staatsanwalt in der Anklageschrift versuchte vorsätzliche Tötung vorwirft, will sich nicht mehr an den Unfallhergang erinnern können. Vom Einsteigen ins Auto in Ormalingen bis zum Aufwachen im Spital habe er eine Erinnerungslücke, erklärte er dem Gericht. «Ich wollte einfach zur Arbeit», sagte der Automechaniker, der nach eigenen Angaben um 7.30 Uhr in Olten hätte anfangen sollen. Der Unfall ereignete sich sieben Minuten nach sieben Uhr. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob er in Eile gewesen sei, gab er die Standard-Antwort: «Ich weiss es nicht.» Laut der Lenkerin des von ihm überholten VW Passat hatte der Impreza-Fahrer in Hauenstein im Innerorts-Bereich derart dicht zu ihr aufgeschlossen, dass sie die Scheinwerfer seines Autos nicht mehr sehen konnte. Eine grobe Verkehrsregelverletzung, an die sich der junge Mann ebenfalls nicht mehr erinnern kann, wie er beteuerte.

Die Befragung ergab, dass der Beschuldigte, der damals seit knapp einem Monat täglich über den Hauenstein fuhr, im ungefähren Bereich der Unfallstelle schon vorher mehrmals andere Fahrzeuge überholt hatte. Immer nur eines allerdings, wie er betonte. Drei-, viermal sei das vorgekommen. Das Risiko habe er jeweils schon abgeschätzt. «All die andern Male haben Sie über das Unfallrisiko nachgedacht – und dieses eine Mal nicht?», fragte Pierino Orfei. Der Autofreak, der beruflich auch schon an Rennboliden herumgeschraubt hat – in Spa oder auf dem Hockenheimring, wie er zu Protokoll gab–, blieb dabei: «Ich erinnere mich nicht.» Er räumte indessen ein, das Überholmanöver am 2. November 2011 sei leichtsinnig gewesen. «Sicher habe ich die Situation falsch eingeschätzt.»

Mit 115 bis 124 Sachen unterwegs

Gemäss einem verkehrstechnischen Gutachten des Dynamic Test Center (DTC) in Vauffelin bei Biel erreichte das Fahrzeug des Beschuldigten während des Überholmanövers eine Geschwindigkeit von zwischen 115 und 124 Kilometern pro Stunde. Der entgegenkommende Nissan soll mit einer Geschwindigkeit von 73 bis 79 Stundenkilometern unterwegs gewesen sein. Als Sachverständiger befragt, sagte André Blanc vom DTC, eine Kollision sei unter den gegebenen Umständen unvermeidlich gewesen. Zum einen, weil der Lastwagen auf der andern Fahrbahn kein Ausweichen erlaubt habe, zum andern, weil das Tempo zu hoch gewesen sei. Christoph Schönberg, der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, hakte nach und wollte wissen, was hätte passieren müssen, damit der Subaru noch rechtzeitig hätte vor den LKW auf die talwärts führende Fahrbahn wechseln können. Nach Blancs Meinung wäre dies nur möglich gewesen, «wenn sich der Nissan nicht an Ort und Stelle befunden hätte».

Kein schlüssiges Bild liessen die Zeugenaussagen zu in Bezug auf die Frage, wo genau der Beschuldigte das fatale Überholmanöver startete. Ein Zeuge war beispielsweise der felsenfesten Überzeugung, dies sei schon unmittelbar nach der Rankbrünnelikurve der Fall gewesen.

Einzelne Details hat wohl der Nebel der verblassenden Erinnerung schon für immer verschluckt. Amtsgerichtspräsident Orfei ärgerte sich wiederholt über Unterlassungen in den seinerzeitigen Einvernahmen. «Wieso hat man das damals nicht gefragt?» Unverständlich für ihn auch, dass der Lenker, der unmittelbar hinter dem Unfallverursacher das Rankbrünneli passierte, nach dem 2. November 2011 nie mehr einvernommen wurde.

Die zweitägige Hauptverhandlung wird am Freitag fortgesetzt.