Opfer beinahe vom Zug überrollt

Mit zwei Kollegen schlug der Angeklagte am Westbahnhof Grenchen einen Junkie brutal zusammen und liess ihn auf den Gleisen liegen. Doch das ist nicht der einzige schwere Vorwurf. Gestern stand der 21-jährige Schweizer vor Gericht.

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Opfer beinahe vom Zug überrollt

Opfer beinahe vom Zug überrollt

Solothurner Zeitung

raffaela kunz

Ein Mann, der am Westbahnhof zusammengeschlagen, ausgeraubt und auf den Gleisen liegen gelassen wurde – dieser Fall aus dem Jahr 2007 machte Schlagzeilen (wir berichteten). Beschuldigt werden drei Jugendliche, von denen lediglich einer zur Tatzeit bereits volljährig war. Dieser musste sich nun gestern vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten.

Es ist der heute 21-jährige Schweizer Marcel T.* Seit seinem 18. Geburtstag waren damals genau zwei Monate verstrichen. Warum er und seine Kollegen die Tat begingen, können sie sich selber nicht erklären. Um Geld ging es ihnen angeblich nicht.

Tatsache ist, dass die drei an einem frühen Novemberabend am Westbahnhof in Solothurn ihr Opfer – ein 51- jähriger Drogenabhängiger, der soeben die Drogenabgabestelle verlassen hatte– von hinten angriffen, als dieser im Begriff war, den Fahrplan zu studieren. Es folgten Fusstritte gegen Kopf und Körper, als das Opfer schon längst am Boden lag.

Per Zufall fuhr kein Zug

Der 51-Jährige, der an diversen Gebrechen leidet und mit Drogen zugedröhnt war, hatte nicht die geringste Chance, Widerstand zu leisten. Schliesslich verlor er das Gleichgewicht und stürzte auf die Gleise. Die drei Täter flüchteten mit seinem Portemonnaie und liessen ihr Opfer hilflos liegen.

Es war purer Zufall, dass zu dieser Zeit kein Zug fuhr und der 51-Jährige mit dem Leben davonkam. Umso krasser ist es, dass er einige Mühe hatte, sich bei den Behörden Gehör zu verschaffen. Als der 51-Jährige nämlich mit blutendem Kopf auf dem Polizeiposten Anzeige erstatten wollte, wurde er zurückgewiesen. Die Polizei verdächtigte ihn, Versicherungsbetrug begehen zu wollen.

Es brauchte eine weitere Anzeige von anderer Seite, bis dem 51-Jährigen Glauben geschenkt wurde. Laut eigenen Angaben zog sich das Opfer mittelschwere Verletzungen zu. Zum Arzt ging er indes nicht. Seine Vertreterin forderte Schadenersatz und eine Genugtuung nach richterlichem Ermessen. Die Anklage verlangt eine Verurteilung wegen qualifizierten Raubs, andernfalls wegen versuchter Gefährdung des Lebens.

Doch das ist längst nicht alles, was Marcel T. auf dem Kerbholz hat. Kein halbes Jahr nach dem ersten Vorfall beging er ein ähnliches Delikt, diesmal mit einem anderen Kollegen und am Hauptbahnhof. Opfer Nummer zwei war ein heute 23-jähriger Schweizer, der sich spät nachts auf dem Heimweg befand.

Marcel T. schlug ihn mit einem Schlagring nieder; zu zweit traktierten sie den 23-Jährigen dann mit Fusstritten. Dass die beiden ohne die Wertgegenstände ihres Opfers abzogen, lag einzig daran, dass sich ein Mann näherte. Das Opfer blieb mit Rissquetschwunden und einer Kontusion der Ohrmuschel liegen.

Die Staatsanwaltschaft qualifizierte den Vorfall als Raubversuch. Darüber hinaus wirft sie T. vor, zweimal in einem Restaurant ein Portemonnaie geklaut zu haben; einmal in Steffisburg und einmal in Aarau, wobei es sich beim einen Mal um blossen Diebstahl und beim anderen Mal auch um Raub gehandelt haben soll. Dazu kommen kleinere Delikte im Bereich des Betäubungsmittelgesetzes.

Kein Geld für schlechte Erinnerung

An der gestrigen Verhandlung zeigte T., seit zwei Jahren im vorzeitigen Strafvollzug, viel Reue und Einsicht. Anders als seine Kollegen, die zur Aussage vorgeladen waren und von denen Amtsgerichtspräsident Daniel Wormser zwei ohne Zeugengeld entliess, weil sie sich an nichts erinnern wollten, schilderte T. die Geschehnisse detailgetreu.

Dabei gestand er alles ein und anerkannte die Genugtuungsforderung seines zweiten Opfers auf dessen Aufforderung. «Es tut mir leid. Ich wünschte, ich könnte die Vergangenheit ändern», entschuldigte T. sich bei seinen Opfern. Ob ihm das noch etwas nützt, ist allerdings fraglich – ein psychiatrisches Gutachten aus dem Jahr 2008 zeichnet ein rabenschwarzes Bild. T. habe eine schwere dissoziale Persönlichkeitsstörung und sei nicht therapierbar, heisst es da. «Über ihnen schwebt die Verwahrung», stellte Wormser gestützt auf das Gutachten fest.

An der Verhandlung selbst wurde die Prognose indes etwas relativiert. Der Gutachter zeigte sich optimistischer und stellte kleine Fortschritte fest. Selbst der Staatsanwalt sprach sich dafür aus, «einen letzten Versuch zu unternehmen, den jungen Mann zu resozialisieren».

Er forderte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und eine Busse von 100 Franken nebst einer stationären Massnahme. Die Verteidigerin folgte diesem Antrag, verlangte aber lediglich eine ambulante Massnahme. «Sie müssen sich die empfohlene Verwahrung sehr zu Herzen nehmen», wandte sich Wormser am Schluss noch an den Angeklagten. Das Urteil wird in den nächsten Tagen bekannt gegeben.

*Name von der Redaktion geändert

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