Klaus Zaugg
Zu den Zeiten von Jacques Cornu und Rolf Biland begannen Karrieren spät. Denn ohne gültigen Führerschein gabs keine Rennlizenz. Vor dem 18. Geburtstag war es nicht einmal möglich, ein Rennen um die Schweizer Meisterschaft oder gar einen Grand Prix zu fahren. Cornu bestritt seinen ersten GP am 7. Mai 1978 im Alter von 25 Jahren.

Im 21. Jahrhundert haben sich die Dinge im Motorrad-Rennsport dramatisch verändert. Wer den 15. Geburtstag hinter sich hat, darf fahren. Tom Lüthi fuhr seinen ersten GP am 21. Juli 2002 auf dem Sachsenring noch vor seinem 16. Geburtstag. Mit 19 war er bereits Weltmeister.

Diese Revolution haben die Pocket-Bikes möglich gemacht. Tom Lüthi hat immer wieder gesagt, dass es seine Karriere ohne die Pocket-Bikes nicht geben würde. Er ist der erste Schweizer Star der «Pocket-Bike-Generation». 1998 fuhr er auf den 2. Platz, 1999 und 2000 gewann er die Schweizer Meisterschaft der «Taschen-Motorräder». Auch Valentino Rossi, der Roger Federer des Motorrad-Rennsportes, hat seine Karriere auf Pocket-Bikes begonnen und zweimal die Meisterschaft in Italien gewonnen.

Professionelle Meisterschaft
Die Schweizer Meisterschaft in den verschiedenen Kategorien wird unter der Hoheit des Schweizerischen Motorradsport-Verbandes (FMS) ausgetragen und ist hoch professionell. Dazu gehören nicht nur entsprechende Versicherungen und Sicherheitsvorkehrungen, sondern auch Dopingkontrollen nach den Vorgaben von Swiss Olympic.
Durch die Pocket-Bikes ist die Schweiz wieder auf der Landkarte des internationalen Strassenrennsportes verzeichnet.

Wegen des Rundstreckenverbotes in unserem Land war eine Rennsportkarriere immer teurer und aufwändiger geworden - selbst für Trainings waren Fahrten ins Ausland notwendig. Die Meisterschaft der Pocket-Bikes wird hingegen in der Schweiz ausgetragen, Rennen und Trainings sind sozusagen vor der Haustür möglich. Inzwischen sind die Pocket-Bikes so beliebt, dass auch eine Meisterschaft für Erwachsene ausgetragen wird.

Früh zeigt sich, wers kann
Der Vorteil dieser kleinen Rennmaschinen: Väter können zu einem vernünftigen Preis (eine Saison ist für weniger als 10 000 Franken möglich) herausfinden, ob ihre Buben zum Rennsport taugen. Ob einer Gefühl und Mut und Biss für Rennsport hat, zeigt sich im Prinzip bereits auf den Pocket-Bikes im Vorschulalter. Die kleinste Kategorie ist für Buben reserviert, die maximal zwölf Jahre alt sind. Im Grunde ist dann schon klar, ob einer das Potenzial für eine grosse Karriere hat.

Investitionen lohnen sich in einen jungen Rennfahrer nur dann, wenn er schon bei den Pocket-Bikes ganz vorne fährt. Es ist nun möglich, das Potenzial eines Buben auszutesten ohne gleich die finanzielle Existenz und die Gesundheit zu riskieren.
Die Pocket-Bikes sind heute in allen Ländern die Grundlage des Motorradrennsportes und sie sind der wichtigste Grund dafür, warum die GP-Piloten immer jünger werden. Inzwischen gibt es für die GP-Teilnahme nicht nur eine Alterslimite (den 15. Geburtstag) sondern auch eine Gewichtslimite: Bei den 125ern müssen Fahrer und Maschine zusammen und in voller Ausrüstung 136 Kilo schwer sein - sonst müssen am Töff Zusatzgewichte montiert werden.
Ein Verbot der Pocket-Bikes bzw. der entsprechenden Rennen und Meisterschaften wäre das Ende für den Motorradrennsport auf Schweizer Boden. Es hätte allerdings nur höhere Kosten für die Teilnehmer zur Folge: Schweizer würden sich dann ganz einfach an den Meisterschaften in Deutschland, Italien oder Frankreich beteiligen.