Zürich

Mord an Ehefrau in 2009: 64-jähriger erst jetzt vor Obergericht

Es dauerte Jahre, bis die Staatsanwaltschaft genügend Indizien hatte, um Anklage zu erheben. (Symbolbild)

Es dauerte Jahre, bis die Staatsanwaltschaft genügend Indizien hatte, um Anklage zu erheben. (Symbolbild)

Aus Rachsucht erschoss ein 64-jähriger Mann seine Frau. Eine Polizistin gab sich als Wahrsagerin aus, um an ein Geständnis zu gelangen. Das ist zwar originell, aber nicht erlaubt.

Keine Tatwaffe, keine Schmauchspuren, keine Zeugen – dazu verdeckte Ermittlungen, die an einen Thriller erinnern: Am Donnerstag ist am Zürcher Obergericht ein rekordverdächtig langer Mordprozess mit einem überraschenden Ergebnis beendet worden – zumindest vorerst.

Das Bezirksgericht Zürich hatte den Beschuldigten 2018 noch wegen Mordes an seiner Ehefrau zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt. Er und sein Verteidiger wehrten sich gegen das Urteil und gelangten ans Obergericht. Im Berufungsverfahren bekräftigte der Beschuldigte, ein heute 64-jähriger Bengale, erneut seine Unschuld. Ihm wurde vorgeworfen, an einem frühen Morgen im Jahr 2009 seine Frau kaltblütig erschossen zu haben: auf offener Strasse in Zürich Oerlikon, nur 20 Meter von der gemeinsamen Wohnung entfernt. Auf die 41-jährige Frau – sie stammte ebenfalls aus Bangladesch – wurde nicht weniger als viermal geschossen: dreimal in den Kopf und einmal in die Brust. Ein weiterer Schuss ging daneben.

Schnell fiel der Verdacht auf ihren Ehemann. Dieser wusste bereits seit 2006, dass seine Gattin mit einem Schweizer fremd ging. In einem Notizbuch soll der Bengale notiert haben, dass er seinen Nebenbuhler umbringen wolle. Ein Alibi hatte er nicht. Zur Tatzeit sei er in der Wohnung gewesen und habe geschlafen, gab der Beschuldigte an. Obwohl das Schlafzimmer zur Strasse hin liegt, will er die insgesamt fünf Schüsse nicht gehört haben. Erst als die Polizei vor der Tür stand, habe er vom Tod seiner Frau erfahren.

Polizei und Staatsanwaltschaft finden keine Spuren

Die Staatsanwältin vermutet, dass er bis zum Eintreffen der Polizisten die Mordwaffe und die Schmauchspuren entfernt hat. Weder auf seiner Haut noch auf seiner Kleidung waren solche Rauchpartikel zu finden. Von der Tatwaffe fehlt bis heute jede Spur.

Ja, wer denn seine Frau erschossen habe, wenn nicht er, wollte der Richter vom Beschuldigten wissen. «Ich weiss es nicht», übersetzte der Dolmetscher die Antwort des schweizerisch-bengalischen Doppelbürgers. Er vermute, dass es die Ehefrau seines Nebenbuhlers gewesen sei – eine Brasilianerin, die wahrscheinlich einen Auftragsmörder aus ihrem Heimatland engagiert habe. Weil nebst der Tatwaffe auch Zeugen und Beweise fehlten, fällte das Bezirksgericht Zürich das vorinstanzliche Urteil aufgrund von Indizien. Nur der Ehemann der Toten habe ein echtes Motiv gehabt und komme als Täter in Frage, lautete die Begründung.

Polizistin gab sich als Wahrsagerin aus

Nicht berücksichtigt wurde dabei ein Geständnis, das der Beschuldigte gegenüber verdeckten Ermittlern gemacht hatte. Einer der Polizisten hatte sich mit dem Bengalen angefreundet und ihn dazu ermuntert, zu einer Wahrsagerin zu gehen. Dies weil er wusste, dass der Mann an Geister glaubt. Die Wahrsagerin war eine verdeckte Ermittlerin, die ihm in einer der Sitzungen ein Geständnis entlocken konnte.

Aus Sicht des Oberrichters war dieses Vorgehen «zwar originell», aber «eines Rechtsstaates unwürdig». Der Beschuldigte sei zu einem Geständnis gezwungen worden, indem suggeriert wurde, er werde von den Geistern seiner Frau bedroht, falls er das Verbrechen nicht zugeben würde.

Aus Sicht des Verteidigers war aber auch die Indizienlage zu dünn. Obschon die Untersuchung über acht Jahre lang dauerte, das Telefon seines Mandanten abgehört, Gutachten erstellt, 230 Personen einvernommen und 39 Bundesordner mit Akten gefüllt wurden, habe man nirgends Beweise für die Tat gefunden. Ebenso wenig einen Hinweis, wieso er – drei Jahre nachdem er erstmals von der Affäre seiner Frau erfahren hatte – plötzlich zur Waffe gegriffen haben soll.

Diese Argumentation überzeugte das Obergericht. Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten reichten nicht aus, um den Mann schuldig zu sprechen, befand der Gerichtspräsident in der Urteilsbegründung. Es sei fraglich, wie der Beschuldigte die Waffe und die mit Schmauchspuren übersäten Kleider hätte entsorgen können. Die Polizei sei nur wenige Minuten nach der Tat bei ihm gewesen – und bis zur Einvernahme stets in seiner Nähe. Die fehlenden Schmauchspuren würden eher für einen anderen Täter sprechen.

Bengale erhält 810'000 Franken für Haft und Verlust des Jobs

Das Obergericht sprach deshalb den Bengalen in dubio pro reo vollumfänglich frei. Zudem erhält der Mann 660'000 Franken Schadenersatz und eine Genugtuung von 150'000 Franken. Wegen der zweimaligen Untersuchungshaft von insgesamt 17 Monaten hatte der vierfache Familienvater seine Arbeit verloren.

Während beim Beschuldigten und bei seinen Söhnen die Freudentränen flossen, zeigte sich die Staatsanwältin enttäuscht vom Urteil. Ob sie es vor Bundesgericht anfechten werde, sei noch offen. Zuerst wolle sie das Urteil im Detail studieren.

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