Fall Heike Wunderlich
Mörder nach 29 Jahren gefasst: «Für DNA-Abgleich reicht heute ein getrockneter Spuckefleck»

Dank einer neuen DNA-Spur haben Ermittler im deutschen Bundesland Sachsen ein Gewaltverbrechen von 1987 nun doch noch aufklären können. Die späte Aufklärung ist nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch das Verdienst eines Kommissars, der nicht locker liess.

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Heike Wunderlich: Die junge Frau wurde 1987 Opfer eines Gewaltverbrechens.

Heike Wunderlich: Die junge Frau wurde 1987 Opfer eines Gewaltverbrechens.

Polizei Zwickau / Screenshot MDR

«Es ist ein absoluter Glücksfall»: Das sagt Tom Bernhardt, Sprecher des Landeskriminalamts (LKA), gegenüber der Deutsche Nachrichtenagentur dpa zum Fall Heike Wunderlich.

Die 18-Jährige war am einem Morgen im April 1987 in einem Waldstück in Plauen in der ehemaligen DDR tot aufgefunden worden. Am Abend zuvor war sie um 21.45 Uhr von einer Freundin mit dem Moped nach Hause losgefahren. Weil ihr Moped einen Defekt hatte, musste sie es schieben. Sie wohnte im Nachbardorf – doch dort kam sie nie an. Sie wurde das Opfer eines Gewaltverbrechens. Der Täter verging sich an ihr und erdrosselte sie. Wenige Meter neben ihrer Leiche lag ihr rotes Moped. Personalausweis, Schlüsselbund mit silberern Schmuckkette und ein schwarzer Ledergürtel fehlten.

1989 schloss die Polizei zwar die Akte. Doch Ermittler nahmen den Fall aber immer wieder auf. Dass der mutmassliche Täter gefasst werden konnte, haben DNA-Untersuchungen nach modernsten kriminaltechnischen Methoden möglich gemacht.

Das Moped von Heike Wunderlich

Das Moped von Heike Wunderlich

Polizei Zwickau

Diese führten im März auf eine neue Spur. Experten des LKA Sachsen konnten eine männliche, bislang unbekannte DNA-Spur extrahieren, die sie mit der bundesweiten DNA-Datei abglichen. Die Ermittler landeten noch am selben Tag einen Treffer: Der genetische Fingerabdruck passte zu einem 60-Jährigen aus Gera, der wegen anderer Straftaten registriert war.

Mit dem Verbrechen an Heike Wunderlich war der Mann, der zur Tatzeit in Plauen lebte, nie in Verbindung gebracht worden. Die Ermittler waren allerdings keineswegs untätig gewesen: Mehr als 3200 Männer hatten sie während der Ermittlungen überprüft und als Täter ausgeschlossen. Auch ein Beitrag in der bekannten Fernsehsendung «Aktenzeichen XY ungelöst...» im Jahr 2009 brachte nicht den erhofften Erfolg.

Der Erfolg ist auch ein Verdienst des 47-jährigen Kriminalhauptkommissars Enrico Petzold. Er übernahm 2005 im Zuge einerr Umstrukturierung der Polizei die Akten zum Fall Wunderlich, der mittlerweile weit über 100 Aktenordner umfasst. Ein Foto des Opfers hing stets in seinem Arbeitszimmer - als Mahnung, nicht aufzugeben. Er hielt auch Kontakt zur Familie Wunderlich. «Ich möchte, dass es die Eltern noch erleben, wie wir den Täter finden», sagte er noch vor wenigen Jahren. Immer wenn er von neuen Methoden zur DNA-Bestimmung erfuhr, hakte er nach. «Schliesslich erleben wir alle fünf Jahre auf diesem Gebiet eine Revolution», sagt er zur «Freien Presse». Bereits im Jahr 2000 hatten Kriminalisten am Tatort gefundene Spuren und Gegenstände, sogenannte Spurenträger, zum LKA geschickt.

Aufklärung aussergewöhnlich

Die späte Aufklärung ist nicht nur aussergewöhnlich. Sie kommt auch äussert selten vor, wie LKA-Sprecher Bernhardt sagt. In ganz Deutschland werde im besten Fall pro Jahr in ähnlicher Weise gelöst. Der Grund: Bei so weit zurückliegenden Verbrechen fehlen oftmals verwertbare DNA-Spuren. Material, das nach der Tat gesichert wurde, sei oft verunreinigt.

Wo gute DNA-Spuren vorhanden sind, steigt dank dem technischen Fortschritt dafür die Chance, den Täter doch noch ermitteln zu können. Früher habe man für Abgleiche noch lebendige DNA, also frisches Blut oder eine Haarwurzel benötigt, sagt Bernhardt. «Inzwischen reicht theoretisch ein getrockneter Spuckefleck, den man auf einem Hemd hatte.» (pz)

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