Mobbing
«Mein Sohn wird häufig gequält»

Auf dem Wildegger Schulhausplatz wurde vor Wochenfrist ein Fünftklässler von Mitschülern mit einem Seil um den Hals an einem Baum hochgezogen. Der 12-Jährige erlitt eine Kehlkopfquetschung. «Das war kein unüberlegtes Spiel, sondern eine weitere gezielte Quälerei gegen meinen Sohn», ist dessen Mutter überzeugt. Die Schulpflege sieht das anders.

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Fränzi Zulauf

«Seit Jahren wird mein Sohn in der Schule gemobbt», erklärt Anita Huber aus Wildegg. Sie heisst eigentlich anders, doch aus Sorge um ihren 12-jährigen Buben will sie nicht mit dem richtigen Namen in der Zeitung erscheinen. Dennoch ist es ihr ein Anliegen, auf das Leiden ihres Sohnes - nennen wir ihn Peter - aufmerksam zu machen. Aus diesem Grunde hat sie von sich aus mit der MZ-Redaktion Kontakt aufgenommen. «Ich lasse mir das Maul nicht verbieten», gibt sich Anita Huber kämpferisch.

Peter hat es nicht einfach im Leben. Und für ihn ist die Schule eine einzige Mutprobe. Einmal landet sein Etui in der Schulhaustoilette, ein anderes Mal wird seine Turnhose zerrissen, auch schon wurde ihm das Kickboard geklaut und im Bach «deponiert», er wurde mit Steinen beworfen und sogar verprügelt und erpresst. «In der Schule hat man uns oft nicht geglaubt und uns nicht ernst genommen», beklagt sich Anita Huber. «Deshalb haben wir damals beim Erpressungsfall bei der Polizei eine Anzeige gemacht.»

Späte Information

Dass Peter unter diesen Vorzeichen kein einfacher, pflegeleichter Schüler geworden ist, ist nachvollziehbar. Von Schulverweigerung und ähnlichem mehr ist denn auch in verschiedenen Berichten die Rede. Und in der Klasse ist er ziemlich isoliert. «Es ist schon so viel geschehen, dass Peter gar nicht mehr alles erzählt, was ihm angetan wird», sagt Anita Huber.

So war es auch am letzten Mittwoch. Peter kam wie immer von der Schule nach Hause und setzte sich an den Mittagstisch. «Ich merkte schon, dass er etwas seltsam war und irgendwie anders sprach», erinnert sich seine Mutter. Doch erst als ein Schulkollege um 13 Uhr anrief und sich für den Vorfall am Morgen bei Peter entschuldigte, erfuhr die Mutter, dass etwas Gravierendes vorgefallen war. «Warum ich nicht sofort und direkt von der Schule informiert wurde, kann ich nicht verstehen», sagt Anita Huber. «Wenn Peter einen Fehler macht, wenn er zu spät in die Schule kommt oder die Hausaufgaben nicht macht, bekomme ich jeweils sofort ein Telefon . . .»

Gefesselt an Händen und Füssen

Was ist also passiert in jener verhängnisvollen 10-Uhr-Pause? Anita Huber berichtet, was ihr Sohn auch bei der polizeilichen Einvernahme erzählt habe: «Peter wurde von Mitschülern zuerst an den Händen mit einem Springseil gefesselt und wie ein Hündchen über den Pausenplatz gezogen. Er hat sich nicht gewehrt, hat anfänglich sogar mitgemacht. Dann aber wurde er auch an den Füssen gefesselt und mit dem Rücken an einen Baum gestellt. Zuerst wollten die beiden Schüler Peter an den Füssen am Baum hochziehen, dann aber legten sie ihm eine Schlinge um den Hals, warfen das Seil über einen Ast und hängten sich zu zweit daran.

Glücklicherweise ist dies anderen Mitschülern aufgefallen. Sie haben Peters Hände befreit, sodass er sie zwischen Seil und Hals schieben konnte. Die Quälgeister wurden vertrieben und Peter hüpfte, noch immer mit zusammengebundenen Beinen, ins Schulhaus auf die Toilette. Dort folgte eine weitere Attacke: Jemand zog so heftig am Seil an seinen Füssen, dass Peter den Halt verlor und mit dem Kopf auf die WC-Schüssel prallte. Zusammen mit einigen Mitschülern meldete er den Vorfall gleich der Lehrerin, die ihrerseits die Schulhausleitung informierte.»

«Wir nehmen den Vorfall ernst»

Schulpflegpräsidentin Lisa Streit will aus Rücksicht auf Opfer und Täter den von Anita Huber geschilderten Hergang nicht kommentieren. Ebenso wenig die auch schon portierte Version, Peter habe selbst gewollt, dass man ihn fessle und «aufhänge». Doch sie ist überzeugt, dass hier ein Spiel eine gefährliche Eigendynamik entwickelt habe. «Wir nehmen den Vorfall sehr ernst und haben deshalb die Polizei und die Jugendanwaltschaft damit betraut.» Den Vorwurf von Peters Mutter, sie sei nicht von der Schule informiert worden, nimmt Lisa Streit entgegen. «Ja», gibt sie zu, «hier haben wir einen Fehler gemacht. Wir waren uns erst nach der ärztlichen Diagnose, die eine Kehlkopfquetschung ergab, bewusst, wie gravierend es tatsächlich war.»

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