Bad Säckingen
In Menschenmenge gerast – zwei Jahre bedingt für Unfallfahrer

Vor einem Jahr raste ein 84-Jähriger aus Versehen durch die Bad Säckinger Altstadt. Zwei Menschen starben. Das Gericht hat ihn nun zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Den Führerschein wird er nie mehr zurückbekommen.

Felix Held
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Der Unfallfahrer (links) mit seinem Anwalt gestern vor der Urteilsverkündung.

Der Unfallfahrer (links) mit seinem Anwalt gestern vor der Urteilsverkündung.

Felix Held

Der emotionalste Moment kommt, als eigentlich schon alles vorbei ist. Richterin Margarete Basler hat die Verhandlung bereits geschlossen. Die gut drei Dutzend Medienvertreter und Zuschauer, die der Urteilsverkündung am Schöffengericht des Amtsgerichts Bad Säckingen beigewohnt haben, packen bereits zusammen. Kamerateams suchen sich die ersten Gesprächspartner, da kommen sich die vermeintlichen Antagonisten dieser drei Verhandlungstage im Prozess gegen den 85-jährigen Unfallfahrer von Bad Säckingen nochmals richtig nahe.

Zwei Brüder des Radfahrers, der bei dem Unfall ums Leben gekommen ist, gehen auf ihrem Weg aus dem Gerichtssaal an dem Verurteilten Sime J. vorbei. Oder besser gesagt, wollen vorbeigehen, halten dann aber inne – und umarmen schliesslich den Mann, der durch seine Fahrlässigkeit dem Leben ihres Bruders ein Ende gesetzt hat. In diesem Moment gibt es keinen Zweifel daran, dass sie ihm verziehen haben.

Unfallfahrer entschuldigt sich

Andreas Biehler, der jüngste Bruder des Radfahrers, bestätigt das auf Nachfrage ausdrücklich. Bereits nach den Plädoyers hatte sich Sime J., gebürtiger Kroate, persönlich in gebrochenem Deutsch an die Opfer und Angehörigen gewandt und sie um Verzeihung gebeten. Diese Entschuldigung hatte sein Verteidiger schon am ersten Verhandlungstag angekündigt. Eigentlich will der Verteidiger zwischen den vier Plädoyers und der Entschuldigung noch eine Pause für seinen Mandanten. Doch dieser fängt einfach an zu sprechen, kann die Worte nicht mehr zurückhalten. «Ich bitte Sie um Verzeihung», sagt er an all jene gewandt, denen er ungewollt Leid zugefügt hatte.

«Ausserdem ist er nach den Plädoyers noch zu uns gekommen und hat sich ein weiteres Mal entschuldigt», sagt Biehler. Er könne für alle Angehörigen des Radfahrers sprechen. «Wir hoffen, dass wir durch das Urteil nun mit dem Vorfall endgültig abschliessen können.» Wichtig sei der Familie vor allem gewesen, dass die Vorwürfe gegen ihren Bruder, er trage eine Mitschuld an dem Unfall, ausgeräumt würden. Dessen Unschuld hat Richterin Basler in ihrer Urteilsbegründung ausdrücklich festgestellt.

Sie hat den heute 85-jährigen Unfallfahrer wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung in 27 Fällen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Ausserdem muss er 1500 Euro an die Opferschutzorganisation Weisser Ring zahlen. Den Führerschein wird er in seinem Leben nicht mehr zurückbekommen. Zudem muss er für sämtliche Gerichtskosten aufkommen, auch die der Nebenkläger.

Der Fahrer war vor einem Jahr mit seinem Auto versehentlich durch die Bad Säckinger Innenstadt gerast und hatte dabei zwei Menschen getötet und 27 teils lebensgefährlich verletzt. Eines der Todesopfer wohnte im Fricktal.

Staatsanwältin akzeptiert Urteil

Der Anwalt der Familie des Radfahrers, Christian Schürmann, kündigt gleich nach der Urteilsverkündung an, keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen zu wollen. Dies erklären auch Verteidiger Michael Vogel und Staatsanwältin Natalie Rünzi.
Noch nicht darauf festlegen will sich dagegen der zweite Nebenklagevertreter, Mathias Brenner. Die Mutter seines Mandanten war das zweite Todesopfer des Unfalls. Der Radfahrer war durch die Kollision mit dem Auto auf sie geschleudert worden. In seinem Plädoyer fordert Brenner als einziger eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten ohne Bewährung.

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