Es schneit und schneit im Alpenraum. Für die einen ist der Neuschnee ein Segen, für die anderen Fluch. In Österreichund der Schweiz gab es bisher mindestens zehn Todesopfer.

Ein tragischer Fall ereignete sich auf der Mariazeller Bürgeralpe in Österreich: Ein Gymnasiallehrer stürzte und fiel Kopf voran in den metertiefen Schnee. Seine Schüler versuchten ihn zu befreien, es gelang ihnen aber wegen der Schneemassen nicht. Als die alarmierten Rettungskräfte den Unfallort erreichten, konnten sie den Lehrer nur noch tot bergen.

Eine Schweizer Snowboarderin kam auf ähnliche Weise ums Leben. Die 24-Jährige kam ohne Fremdverschulden von der Piste ab und stürzte in der Folge etwa 20 Meter über steiles Gelände ab. Ihren drei Begleitern gelang es, die 24-Jährige auszugraben – doch die Wiederbelebungsmassnahmen kamen zu spät.

Wir haben den Rettungschef der Alpinen Bergrettung Schweiz zu den Gefahren befragt: Matthias Gerber ist Rettungschef der Alpinen Bergrettung. Er steht den Rettungsstationen Bergün und Davos vor. Seit zehn Jahren ist er im Bereich der Bergrettung tätig. 

In Österreich sind zwei Menschen Kopf voran in den Schnee gestürzt. Sie erstickten, weil sie sich nicht befreien konnten. Gibt's das öfters?

Darüber habe ich keine Kenntnisse. Ich wurde noch nie damit konfrontiert. Normalerweise sterben Leute im Schnee, weil sie in einer Lawine verschüttet werden. Diese werden von den verschütteten Wintersportlern in den allermeisten Fällen selber ausgelöst. Die Rettungskolonne wird jeden Winter zu mehreren Lawinenunfällen aufgeboten.

Wie viel Zeit bleibt einem denn, wenn man im Schnee verschüttet wurde?

Eigentlich keine. Wenn es dumm geht und die Atemwege des Verschütteten mit Schnee verlegt sind, bleiben keine fünf Minuten. Statistisch sind nach ca. 15 Minuten die Überlebenschancen auf 50 Prozent gefallen. Nach einer halben Stunde sind es noch ca. 30 Prozent.

Deshalb ist Kameradenrettung essentiell und sollte auch geübt werden. Wenn die professionelle Rettung eintrifft, auch mit dem Helikopter, sind die Überlebenschancen schon beträchtlich gesunken.

Was war ihr bisher schwierigster Einsatz?

Vor einigen Jahren hatten wir einen Unfall am Flüelapass, bei welchem drei Skifahrer ums Leben kamen. Einer überlebte. Eine Szene hat mich dort sehr bewegt: Als ich am nächsten Tag den Pass hoch fuhr, sah ich dort das Auto eines der Verstorbenen. Ich sah den Kindersitz auf dem Rücksitz und den bunt bemalten Schattenspender am Fenster und wusste zugleich, dass dieser Vater nie mehr nach Hause kommen würde.

Wie gehen Sie persönlich mit der Verantwortung über Leben und Tod um?

Die Verantwortung über Leben und Tod liegt nicht bei den Rettern. Lawinenverschüttete lösen ihre Lawinen normalerweise selber aus. Sie machen eine Risikoabschätzung und entscheiden selber, wie viel Risiko sie eingehen wollen. Wir Retter sind auch aktive Berggänger und bewegen uns im gleichen Gelände und machen die gleichen Abschätzungen. Als Retter ist es unser Job, dort zu helfen, wo was schief gelaufen ist. Wir bewerten und verurteilen die Unfälle auch nicht, wir helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Aktuell gibt es wieder grosse Massen an Neuschnee, was sind die Gefahren davon?

Matthias Gerber: Sehr viel Neuschnee bedeutet, dass die Lawinengefahr auf die Stufe 4 oder 5 ansteigt. Das bedeutet grosse bis sehr grosse Lawinengefahr. In diesen Situationen können Verkehrswege und Siedlungen bedroht sein und es müssen von den Verantwortlichen entsprechende Beurteilungen und Massnahmen vorgenommen werden.

Für den Schneesportbereich sind das kritische Situationen, bei denen man sich am besten auf den gesichert Pisten und Wanderwegen bewegt. Die meisten Lawinenunfälle im Schneesportbereich geschehen aber bei der Gefahrenstufe 3 (Erheblich).

Wieso das?

Weil dort ein substanzielles Risiko besteht, eine Lawine auszulösen. Trotzdem sind aber viele Leute unterwegs. Bei der Gefahrenstufe «Gross» ist die Situation so klar, dass die meisten Leute vorsichtig sind oder zuhause bleiben.

Was sind die Gefahren für Skifahrer und Winterwanderer?

Wenn man sich abseits der gesicherten Pisten und Wanderwege aufhält, besteht im Winter theoretisch immer die Gefahr einer Lawinenauslösung und der Verschüttung mit Todesfolge. Je höher die Gefahrenstufe, um so heikler wird es. Deshalb benötigt das Skifahren und Schneeschuhwandern abseits der gesicherten Pisten die richtige Notfallausrüstung.

Wie rüstet man sich richtig aus?

Standard ist hier ein Lawinenverschüttetensuchgerät, eine Sondierstange und eine Schaufel. Man muss mit diesem Material umgehen können. Weiter braucht man eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung in der Lawinenbeurteilung oder einen Führer, der einem diese Verantwortung abnimmt. Eine Lawinenverschüttung ist immer lebensbedrohlich und sollte deshalb auf jeden Fall vermieden werden.

Was kann man tun, wenn man trotzdem in eine Lawine kommt?

Als Verschütteter bleibt einem nur das Hoffen auf die Kameraden. Das Stichwort heisst Kameradenrettung. Voraussetzung ist, dass diese nicht auch verschüttet wurden. Wenn alle gut ausgerüstet sind, sprich die vorgängig erwähnte Notfallausrüstung dabei haben und bedienen können, ist der Verschüttete bei Eintreffen der Rettung meist bereits lokalisiert und ausgegraben.