Bergdietikon
«Gefühle sind für den Täter unzugänglich»

Rache oder Verzweiflung kämen als Motiv für eine Tat wie die in Bergdietikon infrage, sagt der Psychiater Josef Sachs. Aber nicht jeder, der eine solche Tat begehe, sei psychisch krank.

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Martin Rupf

Herr Sachs, Die Tat von Bergdietikon macht fassungslos. Was muss in einem Menschen vorgehen, damit er in der Lage ist, auf seine Ehefrau einzustechen?
Josef Sachs: Eindeutig beschreiben kann man das in diesem Fall noch nicht, da noch unklar ist, was dahinter steckt. Vielleicht war es ein Beziehungsdelikt. In solchen Fällen steckt zum Beispiel Rache als Motiv dahinter. Es ist aber auch denkbar, dass eine schwere psychische Krankheit vorliegt. Vielleicht war es aber auch Verzweiflung, wobei der Täter daran gedacht haben könnte, neben der Ehefrau auch sich selber umzubringen. Dagegen spricht jedoch, dass er den Kindern nichts angetan hat.

Gibt es vor solchen Taten irgendwelche Anzeichen oder geschehen sie aus dem Nichts?
Sachs: Meistens gibt es schon Indizien. Doch leider kann man diese oft erst im Nachhinein richtig interpretieren.

Wie können Aussenstehende solche Anzeichen erkennen?
Sachs: Das ist sehr schwierig. Leider sind gerade intelligente Menschen häufig fähig, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Gegen aussen wirkt dann alles perfekt.

Was für Familien sind besonders gefährdet?
Sachs: Solche Taten geschehen eher in wirtschaftlich gut situierten Familien. Nach aussen erscheinen sie perfekt, doch hinter der Fassade leiden sie unter grossen Problemen persönlicher oder wirtschaftlicher Natur.

Sie haben die Verzweiflung angesprochen. Was führt zu einem Amoklauf, was zu einer minuziös geplanten Tat?
Sachs: Das ist wissenschaftlich schwer zu erklären. Bei einem Amoklauf ist die Verzweiflung oft viel grösser. Zudem sind Amoktäter fasziniert von Gewalt und von einem Hass gegen die ganze Menschheit beseelt. Beziehungstäter handeln eine Stufe kontrollierter und haben ausschliesslich Familienangehörige in ihrem Fokus.

In Bergdietikon scheint der Täter sehr kontrolliert vorgegangen zu sein. Was geht einem Täter während der Tat durch den Kopf?
Sachs: Der Täter funktioniert sehr rational, weshalb er oft Sicherungsmechanismen einbaut. Alle Gefühle hingegen, Angst, Mitleid oder Schuld, sind während dieser Zeit für den Täter völlig unzugänglich. Deshalb diese Kaltblütigkeit.

Kehren denn diese Gefühle nach der Tat zurück?
Sachs: Sogar sehr stürmisch. Das kann dazu führen, dass sich der Täter stellt oder dass er sich selber etwas antut.

Kann man etwas salopp ausgedrückt sagen: Wer eine solche Tat begeht, der ist krank im Kopf?
Sachs: Nicht alle Leute, die unverständliche und brutale Taten begehen, sind krank. Sie können, müssen aber nicht krank sein.

Bis jetzt haben wir nur vom Täter gesprochen. Doch was löst das bei der Ehefrau aus, wenn sie erfährt, dass ihr Mann der Täter ist?
Sachs: Das ist weniger eine wissenschaftliche als vielmehr eine menschliche Frage. Ich kann mir nur vorstellen, dass diese Nachricht für sie völlig unverständlich sein muss, selbst wenn ein Konflikt bestanden hat. Sie wird lange Zeit brauchen, um nur schon zu verstehen, was passiert ist. Es ist zu befürchten, dass sie schwer traumatisiert sein wird.

Gilt das auch für die beiden zwei- und fünfjährigen Kinder?
Sachs: Auf jeden Fall. Vor allem ist es schwierig, ihnen zu erklären, was passiert ist.

Muss man es den Kindern überhaupt sagen?
Sachs: Sie werden es ohnehin erfahren. Man muss sie aber bei der Verarbeitung unterstützen.

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