«Fragen ist die beste Prävention»

Pascal, ein 14-jähriger Schüler aus Untersiggenthal, hat sich im Wald erhängt. Eine erschütternde Nachricht. Was bringt junge Menschen dazu, sich selbst das Leben zu nehmen? Vor allem aber: Wie kann man das verhindern? Ursula Schwager, Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied von Suizid-Netz Aargau, spricht über Warnsignale und Prävention.

Fränzi Zulauf

Frau Schwager, der 14-jährige Pascal hätte am freien Mittwochnachmittag zur Schule gehen müssen, um eine Strafarbeit zu erledigen. Er verliess sein Elternhaus mit dem Velo und blieb vier Tage lang vermisst. Am Sonntag wurde er in einem Waldstück in Untersiggenthal tot aufgefunden. Pascal hat sich erhängt. Wie kann es sein, dass ein Jugendlicher zu diesem letzten aller Mittel greift?
Ursula Schwager: Jugendliche befinden sich in einer Übergangszeit, in der sich alles verändert und verschiedene Aufgaben gelöst werden müssen. Die körperlichen Veränderungen, das erwachende sexuelle Interesse sowie das Finden des eigenen Platzes in der Gruppe mit all den Angeboten unserer Gesellschaft stellt eine grosse Herausforderung dar. Zudem müssen sie sich in einem Alter, in dem die eigene Identität noch nicht geprägt ist, für einen Ausbildungsweg, für Schule oder Lehre, entscheiden. Viele Jugendliche haben Angst, keine Lehrstelle zu finden oder eine Lehre absolvieren zu müssen, die nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ein grosser Druck lastet auf den einzelnen Jugendlichen und auch auf deren Familien. Wird einem jungen Menschen dies alles zu viel, kann es sein, dass er eine solche Entscheidung trifft.

Wie kann man erkennen, dass ein junger Mensch einfach nicht mehr leben will?
Schwager: Aufmerksam sollte man sein, wenn Jugendliche ihr gewohntes Verhalten ändern, sich verschliessen beispielsweise oder sich zurückziehen; vielleicht werden ihre Leistungen abrupt schlechter oder der Konsum von Suchtmitteln nimmt zu. Die Entscheidung, nicht mehr weiterleben zu wollen, kann auch plötzlich getroffen werden, etwa bei Liebeskummer.

Was kann man tun? Wie sollen Eltern, Lehrpersonen, Freunde, Trainer, Pfadileiter und andere mögliche Bezugspersonen reagieren, wenn sie merken, dass sich ein Jugendlicher verändert, dass er beispielsweise schweigsamer wird, sich abkapselt, traurig wirkt?
Schwager: Vor allem sollte man den Mut haben, nachzufragen. Wenn es Personen gibt, die solche Veränderungen bei Jugendlichen bemerken, haben sie die Chance, zu reagieren und mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist, das direkte Gespräch zu suchen und offen darüber sprechen, was wahrgenommen wird, und die Gefühle zu benennen, die das Verhalten des Jugendlichen auslösen. Nicht gut ist es, Ratschläge zu erteilen, zu bagatellisieren, zu trösten oder zu belehren. Allenfalls sollen Fachleute hinzugezogen werden.

Es heisst ja oft, wer von Selbstmord spreche, bringe sich nicht um. Stimmt das?
Schwager: Es kommt darauf an, wie über Selbstmord gesprochen wird. Wenn so darüber geredet wird, dass beim Zuhörer seltsame Gefühle geweckt werden oder Ängste auftauchen, dass wirklich eine Selbstmordhandlung droht, ist Handeln angesagt. Dann lohnt es sich konkret nachzufragen, ob Suizidgedanken vorhanden sind. Man darf sich nicht scheuen, bei Fachleuten Unterstützung zu holen.

Wo können sich Jugendliche mit Suizidgedanken hinwenden?
Schwager: Als erste Anlaufstelle ist Telefon 143 zu nennen. Sie ist den ganzen Tag, das heisst 24 Stunden, erreichbar. Im Weiteren gibt es Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste, Schulpsychologische Dienste sowie frei praktizierende Psychologinnen und Psychologen, die bei Krisensituationen angefragt werden können - von Betroffenen und von deren Bezugspersonen.

Pascal ist kein Einzelfall. Selbstmord ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die häufigste Todesursache. Warum sind gerade junge Menschen, denen doch die ganze Welt offensteht, so
gefährdet?

Schwager: Das ist eine schwierige Frage. Wenn alles im Umbruch ist und nichts mehr in gewohnten Bahnen verläuft, können Handlungen geschehen, die nicht verstanden werden. Krisen gehören zum Leben und das Leben verläuft nicht immer so, wie man es sich vorstellt. Dass es auch Lösungen gibt oder andere Wege aus der Krise, können Betroffene häufig nicht mehr wahrnehmen und der Tod erscheint ihnen als einziger möglicher Weg. Die Probleme werden dadurch jedoch nicht gelöst. Zurück bleibt ein grosser Schmerz.

Können Schulen und Lehrbetriebe auch etwas beitragen zur Prävention?
Schwager: Die beste Prävention ist stets, die Bereitschaft zu haben, schwierige Themen anzusprechen. Dazu gehört der Mut, unbequeme Fragen zu stellen, ebenso wie die Offenheit, wahrzunehmen, wie es dem Gegenüber geht, und Emotionen zuzulassen.

Im Jahre 2006 wurde das Suizid-Netz Aargau gegründet. Was genau bietet das Suizid-Netz an?
Schwager: Seit 2002 sind Fachleute aus den verschiedensten Institutionen und Verbänden im Suizid-Netz Aargau engagiert und wirken im Bereich Suizidprävention. Seit 2006 sind wir ein Verein und werden finanziell unterstützt. Unser Wunsch, eine Anlaufstelle einzurichten, ist bis jetzt noch daran gescheitert, dass die finanzielle Unterstützung dafür nicht ausreicht. Wir bieten Flyer für Erwachsene und Jugendliche sowie einen Leitfaden für Betroffene an. Ausserdem bieten wir Kurse zur Suizidprävention 65+ an. Ab Herbst startet unser Jugendprojekt, in dem Jugendliche durch interaktives Theater erleben können, was sich verändert, wenn man beispielsweise nachfragt, wie es dem anderen geht.

Wird diese Hilfe des Suizid-Netzes oft in Anspruch genommen?
Schwager: Die Nachfrage nimmt zu, auch der Mut, sich mit dieser schwierigen Problematik auseinanderzusetzen.

Wird im Kanton Aargau im Bereich der Suizid-Prävention genug getan?
Schwager: Prävention braucht stets einen langen Schnauf. Wir machen Fortschritte, das Ende ist jedoch noch nicht erreicht und die Arbeit geht nicht aus.

Wird im Kanton Aargau im Bereich der Suizid-Prävention genug getan?
Schwager: Prävention braucht stets einen langen Schnauf. Wir machen Fortschritte, das Ende ist jedoch noch nicht erreicht und die Arbeit geht nicht aus. Nach solchen Ereignissen ist der Ruf, etwas tun zu müssen, immer gross. Ein Selbstmord hinterlässt bei denen, die damit weiterleben müssen, grosse Schmerzen, Ohnmacht und die Frage «weshalb?». Letztlich ist die Selbsttötung eine persönliche Entscheidung, die Nächsten stehen vor dieser endgültigen Tatsache. Es geht immer um die Frage, wie wir miteinander umgehen und ob wir die Zeit aufbringen für echte Gespräche und Interesse am anderen zeigen. In dem Sinne können wir alle etwas tun, indem wir nicht mehr wegschauen.

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