Das Gericht in Mons begründete seine Entscheidung zur vorzeitigen Freilassung am Dienstag auch mit der respektvollen Haltung Martins gegenüber den Opferfamilien sowie mit einem positiven psychosozialen Gutachten.

Martins Anwalt Thierry Moreau sagte, seine Mandantin sei nicht mehr die selbe Person wie 1996. "Aber sie sagt selbst: Ihre Schuld wird sie bis ins Grab begleiten. Alles, was ihr bleibt, ist zu sühnen." Generalstaatsanwalt Claude Michaux nannte ihre Freilassung "voreilig". Allerdings könnte er nur wegen Verfahrensfehlern Berufung einlegen.

Resozialisierungsprogramm

Die belgische Justiz genehmigte einen Resozialisierungsplan. Dieser sieht Martins Aufnahme in einem Kloster des Ordens der Klarissen in Malonne unweit der Stadt Namur im Süden von Belgien vor, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. Die 52-Jährige sei in der Haft laut Angaben ihrer Anwälte tief religiös geworden.

Martin muss jedoch zu den Familien der getöteten Mädchen Distanz wahren. Die Opferangehörigen reagierten entsetzt auf den Gerichtsentscheid vom Dienstag. Sie hatten eine Freilassung von Martin stets abgelehnt. Diese war seit 1996 inhaftiert, acht Jahre später wurde sie zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Unfähig, ihrem Mann zu widersprechen

Das Gericht in Mons hatte sich bereits zum fünften Mal seit 2007 mit einem Antrag Martins auf vorzeitige Haftentlassung beschäftigt. So hatte das Gericht bereits im Mai vergangenen Jahres einem Antrag stattgegeben, der ihren Gang in ein französisches Kloster vorsah. Weil sich Frankreich jedoch wehrte, scheiterte die Entlassung. Die Pläne hatten für heftige öffentliche Aufregung gesorgt.

Martin und ihrem Ex-Mann Marc Dutroux werden die Entführung, Gefangenschaft und Vergewaltigung von sechs Mädchen und jungen Frauen und der Tod dreier Opfer zur Last gelegt. Dutroux wurde für seine Taten zu lebenslanger Haft verurteilt - ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.

Martin wurde vor allem angelastet, dass sie zwei der verschleppten Mädchen in einem Kellerverlies verhungern liess. Die ehemalige Lehrerin, selbst Mutter dreier Kinder von Dutroux, versperrte eigenhändig die Tür, hinter der die beiden achtjährigen Mädchen qualvoll starben. Wie sie im Prozess aussagte, sei sie unfähig gewesen, ihrem damaligen Mann zu widersprechen.

Mädchen verhungerten während Dutroux' Untersuchungshaft

Der Fall Dutroux ist für Belgien noch immer ein Trauma. Bis heute werden Polizei und Strafverfolgungsbehörden eine ganze Reihe von Ermittlungspannen zur Last gelegt. So hatte die Justiz mehrfach Hinweise ignoriert, die zu einer früheren Festnahme von Dutroux hätten führen können. Die zwei Mädchen etwa verhungerten, während der Belgier in Untersuchungshaft sass.

Zugleich begann in Belgien auch eine politische Debatte über das Recht von Schwerverbrechern auf vorzeitige Entlassung und auf Resozialisierung. In Belgien können Straftäter nach dem Absitzen eines Drittels ihrer Haftstrafe die Freilassung beantragen, müssen aber bestimmte Bedingungen erfüllen.