Maja Sommerhalder

Der Häftling nahm seine Henkersmahlzeit ein, räumte seine Zelle im Aarauer Untersuchungsgefängnis Telli auf und knüpfte mit einem Fernsehantennenkabel eine Schlinge. Sein Galgen war ein Büchergestell, das nicht ganz zur Decke reicht. Dank der fingerbreiten Lücke konnte er die Kabelschlinge anbringen.

Die Gefängnisaufseher fanden den leblosen Mann am Samstagmorgen in seiner Zelle, als sie ihm das Frühstück bringen wollten. Der Selbstmörder hatte Abschiedsbriefe für seine Frau, seine Kinder und die Behörden hinterlegt. Kurze Zeit später stand ein Leichenwagen vor dem Telli-Gefängnis, ein Tele-M1-Reporter entdeckte ihn zufällig.

Die Behörden hielten sich allerdings bedeckt. Der Aarauer Bezirksamtmann Dieter Gautschi sagte nur: «Der Selbstmörder ist ein junger Mann, der seit Ende Juli wegen versuchter Tötung in U-Haft sitzt.»

Messerstecher war Familienvater

Heute bestätigte die Aargauer Staatskanzlei, was im «Blick» stand: Der Mann, der sich in der Zelle 9 das Leben genommen hatte, war Patrick S. (41) - der mutmassliche Messerstecher von Bergdietikon. «Es gab keine Anzeichen für eine Suizidgefahr», sagt Pascal Payllier, Chef der Abteilung Strafrecht.

Es habe allerdings Hinweise gegeben, dass Patrick S. psychische Probleme hatte. Deshalb betreuten ihn ein Gefängnisarzt und ein Psychiater des externen Psychiatrischen Dienstes Aargau regelmässig. Zudem behandelten sie ihn medikamentös.

«Zwei Tage vor seinem Tod besuchte ihn ein Psychiater und befand, dass es keine Suizidgefahr gebe. Er attestierte seine Hafterstehungsfähigkeit», so Payllier. Auch ein Angehöriger, der ihn zu Beginn dieser Woche besuchte, hätte nichts derartiges festgestellt.

Trotzdem: Hätte man einen Suizid mit dem Fernsehkabel nicht verhindern können? Payllier dementiert: «Dann hätte er einen anderen Weg gefunden.» Habe ein Häftling den Entschluss gefasst, sich umzubringen, lasse sich dies kaum vermeiden: «Sonst müsste man die Häftlinge rund um die Uhr überwachen, was gegen das Gesetz verstossen würde.»

Politiker kritisieren Justiz

Thierry Burkart, Präsident der Justizkommission des Grossen Rates, ist anderer Meinung: «Schon wieder ein Selbstmord. Das ist einfach zu viel.» «Ich wünsche mir, dass man prüft, ob die Aufsichtspflicht in Untersuchungsgefängnissen genügend wahrgenommen wird.» Diese Meinung vertritt auch die Grüne Grossrätin Eva Eliassen Vecko: «Dass sich so viele Menschen, dass Leben nehmen, ist seltsam.»

Doch Suizide sind in den Aarauer Untersuchungsgefängnissen keine Seltenheit: Erst vor zwei Wochen brachte sich ein Mann um, der in Baden in Untersuchungshaft sass: Vor zehn Monaten hatte sich der Gattenmörder Klaus Lindenthal im Aarauer Untersuchungsgefängnis am Büchergestell erhängt: Er sass in der gleichen Zelle wie Patrick S. Payllier vermutet, dass seine hoffnungslose Zukunft der Grund für den Freitod war: «Patrick S. drohten einige Jahre Freiheitsstrafe.»

Messerstecher war Familienvater

Bis vor drei Monaten war der Werber ein unbescholtener Familienvater. Mit Sohn Noel (2), Tochter Seraina (5) und Frau Susanne (39) lebte er in einem schmucken Reiheneinfamilienhäuschen in Bergdietikon. Seine Nachbarn bezeichneten den Vespafan und Feuerwehrmann als ruhig, freundlich und hilfsbereit. Doch die Fassade täuschte. Das Paar hatte schwere Eheprobleme und besuchte eine Paartherapie.

Die Situation eskalierte in der Nacht auf den 16. Juli: Patrick S. schlich in sein eigenes Haus. Im Schlafzimmer seiner Frau zückte er ein Messer und stach ihr mehrmals in den Hals. Susanne S. überlebt das Massaker nur mit viel Glück. 24 Stunden später gestand Patrick S. seine Tat. Erst kam er ins Bezirksgefängnis, am 22. Juli wurde er ins Aarauer Untersuchungsgefängnis verlegt.

Es lief ein Verfahren wegen vorsätzlicher Tötung. Inzwischen ist seine Familie aus Bergdietikon weggezogen. Seine Möbel sind aber noch im gemeinsamen Haus. Seine Familie besuchte ihn nie im Gefängnis. Nur einen einzigen Brief hat ihm seine Frau geschrieben - der am Vortag des Suizides eintraf. Was in diesem Brief stand, verraten die Behörden nicht.