Eine Clique ohne böse Absichten

Untersuchung zu erniedrigenden Handy-Filmchen im Pflegezentrum Entlisberg abgeschlossen. Es war ein Einzelfall und die beteiligten Pflegenden haben gedankenlos und nicht mit bösem Willen gehandelt: Das ist das Ergebnis der Administrativ-untersuchung zu den Vorfällen im Pflegezentrum Entlisberg.

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Entlisberg

Entlisberg

Limmattaler Zeitung

Alfred Borter

Dass eine diplomierte Pflegefachfrau und zwei Pflegeassistentinnen nackte Patientinnen mit dem Handy gefilmt und fotografiert hatten, schlug letzten Februar wie eine Bombe ein. Die Empörung über das schändliche Vorgehen war gross. Dass demente Frauen in entwürdigender Weise aufgenommen worden waren, schlug nicht nur in Zürich hohe Wellen.

«Wir sind auf gutem Weg»

Herr Meier, sind Personen aufgrund der publik gewordenen Vorfälle aus dem Pflegezentrum Entlisberg an andere Orte gebracht worden?
Kurt Meier: Nur in einem Fall haben sich Angehörige entschlossen, eine Frau zu sich heim zu nehmen. Im Übrigen aber haben wir von sehr vielen Angehörigen auch Zuspruch erhalten und die Bestätigung, dass sonst zugunsten der betagten und demenzkranken Menschen ganz hervorragende Arbeit geleistet wird.

Wie hat denn das Pflegepersonal auf die Vorkommnisse reagiert?
Meier: Mit Unverständnis. Niemand hat sich denken können, dass es Kolleginnen gab, welche mit dem Handy solche Filme herstellten. Gerade die in die Aktion verwickelten Kolleginnen wurden als sehr herzlich wahrgenommen; was da ans Licht gekommen ist, war für alle völlig unvorstellbar.

Kann man heute sagen, die schlimme Geschichte sei bewältigt?
Meier: Wir sind auf einem guten Weg. Natürlich haben wir mit dem Personal öfter gesprochen, es wurde psychologisch begleitet, ein Care-Team hat sich um die Leute gekümmert. Auch mit den Angehörigen unserer Bewohner fanden Gespräche statt. Jetzt, mit der Ablieferung des Berichts zur Administrativuntersuchung, kommt alles nochmals hoch. Man darf nicht vergessen: Die Verunsicherung war gross. Es wurde ein ganzer Berufsstand infrage gestellt, und infrage gestellt waren auch die Pflegezentren der Stadt, ganz speziell das Entlisberg.

Kann man sagen, es gehe alles wieder den gewohnten Gang?
Meier: Wir alle verrichten unsere Arbeit sicher mit noch mehr Sorgfalt. Wir sind uns bewusst, dass es ein hohes Mass an Professionalität braucht, um gerade demenzkranke Menschen zu pflegen. Aber wir sind dazu auch in der Lage, das Personal ist gut ausgebildet und belastbar. (abr.)

Kurt Meier ist Direktor der zehn städtischen Pflegezentren und des Schulungszentrums Gesundheit SGZ.

Stadtrat Robert Neukomm beauftragte in der Folge die Rechtsanwältin Katharina Sameli mit einer Administrativuntersuchung. Sie sollte unter anderem herausfinden, wie es zu den Vorfällen kommen konnte und ob andere Mitarbeitende davon Kenntnis hatten. Parallel dazu läuft die strafrechtliche Untersuchung des Falls durch die Staatsanwaltschaft; ermittelt wird gegen vier Pflegerinnen. Die Frauen sind teilweise fristlos entlassen worden.

Niemand wusste etwas

Bei der Präsentation des Untersuchungsberichts hielt Katharina Sameli fest, es habe sich gezeigt, dass wirklich niemand vom Personal auch nur eine Ahnung hatte, wie die vier Kolleginnen mit den ihnen anvertrauten Patientinnen umgingen. Sie hätten die Fotos und Filme nur gemacht, wenn sie zufällig gemeinsam Dienst hatten und die Stationsleiterin abwesend war. Man könne den Vorgesetzten höchstens mangelndes Gespür oder allenfalls Fehleinschätzungen vorwerfen, aber keine eigentlichen Fehler.

So sei niemand eingeschritten, als es sich zeigte, dass die Frauen die Stationsleiterin mobbten, sodass sich diese vom «Tussi-Club» zurückzog. Es habe auch niemand etwas gegen die sehr legere Bekleidung der Frauen oder gegen das laute Musikhören im Aufenthaltsraum unternommen.

«Facebook-Generation»

Die 23- bis 33-jährigen Frauen seien auch häufig miteinander im Ausgang gewesen, hätten in der Freizeit viel miteinander unternommen. Sie gehörten der «Facebook-Generation» an, der es nichts ausmacht, sich gegenseitig mit dem Handy zu fotografieren, ohne je an die Privatsphäre zu denken.
Entsprechend hätten sie keine Hemmungen gehabt, die Patientinnen aufzunehmen.

«Ich sehe keinen bösen Willen dahinter», hielt Sameli wörtlich fest. Sie glaube den Frauen, die angegeben haben, sie hätten aus Blödsinn und Gedankenlosigkeit so gehandelt, hätten sich einen Spass machen wollen, auch sei Langeweile im Spiel gewesen. Trotzdem sei ihr Handeln natürlich schändlich.

Dienstkleidung und Handy weg

Sameli empfahl nun die Wiedereinführung von Dienstkleidung, um für alle Beteiligten die Trennung von Arbeit und Freizeit auch nach aussen sichtbar zu machen, ferner die strikte Durchsetzung von Verhaltensregeln samt Handy-Verbot, das früher nicht so strikt gehandhabt worden sei. Ferner empfahl sie Modifikationen bei der Leitung und die Pflege einer vertrauensbildenden Kommunikationskultur.

Wie Kurt Meier, Direktor der städtischen Pflegzentren, ausführte, sind diese Empfehlungen zum Teil bereits umgesetzt; die Dienstkleider werden im kommenden Jahr nach und nach in sämtlichen Pflegezentren eingeführt, obschon es

die Heimbewohner eigentlich schätzten, von ganz normal angezogenen Personen gepflegt zu werden. «Weisse Schürzen werden sie aber nicht tragen müssen», präzisierte Meier. Stadtrat Neukomm schliesslich betonte, man werde alles dran setzen, dass etwas ähnliches nicht wieder vorkomme.