Fall Wohlen

«Die Umstände des Delikts sind sehr gravierend»

Die Opfer könnten den Missbrauch zwar überwinden, nicht aber vergessen, sagt Josef Sachs, Gerichtspsychiater und Leiter des Departements Forensik des Kantons Aargau. Der Fall Wohlen ist für ihn in vielem sehr typisch.

Lukas Schumacher

Der «Fall Wohlen» rüttelt auf. Wie kann es sein, dass jemand mit pädophilen Neigungen ausgerechnet den Lehrerberuf ergreift?
Josef Sachs:Das ist kein Zufall. Pädophile sind häufig in sozialen und pädagogischen Berufen anzutreffen, da sie sich stark zu Kindern hingezogen fühlen. Der ursprüngliche Entscheid über die Berufswahl erfolgte aber meist unbewusst.

Können pädophile Veranlagungen bei Erwachsenen urplötzlich aufflammen?
Sachs: Nein, in der Regel nicht. Die Veranlagung macht sich früh bemerkbar, im Alter zwischen 16 und 20. Viele verdrängen aber sexuelle Bedürfnisse mit Kindern. Bei einigen manifestieren sie sich auch im Erwachsenenalter nicht.

Fortgesetzter sexueller Missbrauch wie im «Fall Wohlen» wiegt doch sehr schwer?
Sachs: Ja, ein solches Delikt wird mit Gefängnis bis zu 5 Jahren bestraft. Die Umstände dieses Missbrauchs sind sehr gravierend. Das Vergehen war nicht einmalig und wurde nicht von irgendeinem Aussenstehenden begangen. Sondern von einer Lehrperson, zu der ein Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis bestand. Der Lehrer hat dieses Vertrauen missbraucht.

Weshalb dauerte es nahezu 15 Jahre, bis das Opfer Strafanzeige gegen den Täter einreichte?
Sachs: Die lange Zeitdauer ist in solchen Fällen nicht ungewöhnlich. Um über derart einschneidende Geschehnisse zu sprechen, braucht es häufig sehr viel Zeit. Bestimmt kostete es das Opfer letztlich grosse Anstrengung und auch Mut, ehe es den fehlbaren Lehrer anzeigte.

Kann man als Opfer ein solches Drama je vergessen und überwinden?
Sachs: Vergessen nicht, überwinden schon. Da hilft meist eine intensive Psychotherapie. Vielfach gehen sexuelle Missbräuche einher mit psychischer Gewalt, mit Drohungen des Täters, ja nichts zu verraten. Opfer, die über eine längere Zeit von der gleichen Person sexuell ausgebeutet werden, fühlen sich häufig mitschuldig für die erlittenen Untaten. Selbstverständlich zu Unrecht.

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