Rosmarie Mehlin

Patrick S. hat seinem Leben ein Ende gesetzt und lässt eine Frau, ein 5-jähriges Töchterlein und einen 2-jährigen Buben zurück. Bereits drei Monate zuvor hatte er seiner Familie unendliches Leid zugefügt mit einer Tat, die niemand verstehen kann - am allerwenigsten vermutlich seine Frau.

Jochen Alten, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Baden betont, dass jeder Selbstmord bei den Hinterbliebenen andere Gefühle auslöse. Welche, das hänge von der Vorgeschichte ab. «Ich nehme an, dass im Fall der Familie S. schon länger Zeit vor der unfassbaren Tat massive Beziehungsschwierigkeiten bestanden hatten, welche aber offenbar nicht nach aussen getragen worden waren und die schliesslich in einem maximal traumatischen Konflikt gipfelten.»

Tat war schlimmer für Mädchen

Die Tat, so der Psychiater, habe der Frau von Patrick S. keine andere Wahl gelassen, als sich auch innerlich von ihrem Mann zu trennen. «Ich vermute aber, dass sie auf die jetzt erfolgte endgültige Trennung durch den Tod ihres Mannes zunächst einmal mit Ambivalenzgefühlen reagieren wird.»

Was die beiden Kinder betrifft, so ist der Arzt überzeugt, dass das Geschehene beim 5-jährigen Mädchen tiefere Spuren hinterlassen wird, als beim 2-jährige Buben.

«Eine Rolle für die künftigen Entwicklung der beiden Kinder und dafür, wie sie das Erlebte verarbeiten, spielt einerseits, wie viel sie von den Konflikten ihrer Eltern vor der Tat mitbekommen hatten und wie stark sich der Vater mit ihnen beschäftigt hatte», sagt Jochen Alten.

Ein Zweijähriger vergesse vieles sehr schnell, während ein fünfjähriges Kind naturgemäss emotional bereits stark an Vater und Mutter gebunden sei.

Haftung ähnlich wie Scheidung

Die Erfahrung zeige, dass Kinder durch eine Scheidung sehr oft in einen Loyalitätskonflikt kämen und sich dann wohl oder übel schliesslich für einen Elternteil - jenen, der sich mehr und stetiger um sie kümmert - entscheiden.

Die äusserlichen Folgen und Umstände nach der Tat und der Verhaftung des Vaters waren vergleichbar mit dem Zustand nach einer Scheidung: Die Kinder von Patrick S. hätten ihren Vater nach der Verurteilung im Gefängnis besuchen und, nach dessen Haftverbüssung, theoretisch eine neue Vater-Kind-Beziehung aufbauen können. Wäre so etwas überhaupt denkbar gewesen?

«Wie es in der Praxis herausgekommen wäre, kann ich nicht sagen. Die Erfahrung zeigt aber, dass es Kinder, deren Väter verschollen sind, sehr viel schwieriger haben, als jene, deren Vater gestorben ist.» Demnach dürfte, vermutet Alten, die Zukunft nach dem Tod von Patrick S. sowohl für die Kinder, wie auch für die Frau insofern einfacher werden, als sie einen klareren, endgültigeren Schlussstrich unter diese schreckliche Tragödie in ihrem Leben ziehen können.