Ausbrecher
Der Schläger vom Winzerfest: Man hielt ihn für ungefährlich

Der Winzerfest-Schläger aus Klingnau, der am Sonntag aus dem Gefängnis Grosshof in Willisau ausgebrochen ist, wurde von der Gefängnisleitung unterschätzt.

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Man hielt ihn für ungefährlich

Man hielt ihn für ungefährlich

Rosmarie Mehlin, Maja Sommerhalder

Sie sind noch immer auf der Flucht – die drei Häftlinge, die am Sonntag aus der Aussenstelle des Haft- und Untersuchungsgefängnisses Grosshof in Willisau LU ausgebrochen sind. «Sie sind national zur Fahndung ausgeschrieben, auch die Grenzen sind informiert», sagt Simon Kopp von den Luzerner Strafuntersuchungsbehörden. Bisher habe man noch keine Hinweise aus der Bevölkerung erhalten. Gefahndet wird auch im Aargau, da der ausgebrochene Veton Kastrati (20) in Klingnau und Teki Elshani (35) in Muri wohnt. «Es gibt Kontrollen am Wohnort der Häftlinge. Sonst sind wir nur am Rande involviert», sagt Bernhard Graser von der Aargauer Kantonspolizei.

In Luzern hat man die Gefahr offenbar unterschätzt. «Die Häftlinge sind keine Schwerstverbrecher und galten bisher als ungefährlich», sagt Gefängnisdirektor Hanspeter Zihlmann: «Heute würde man die Sache allerdings anders einstufen.» Tatsächlich bewiesen die Häftlinge bei ihrem Ausbruch, dass sie alles andere als ungefährlich sind. Als sie auf dem Rückweg in ihre Zellen waren, überwältigten sie einen Gefängnismitarbeiter und sperrten ihn in eine Zelle ein. Der Mitarbeiter wurde dabei mittelschwer verletzt.

Er war schon vorher gefährlich

Der Koblenzer Veton Kastrati hat schon in den vergangenen Jahren mehrmals bewiesen, dass er äusserst gewalttätig ist. Im Juni 2008 hatte das Bezirksgericht Zurzach den jungen Kosovo-Albaner und dessen älteren Bruder der versuchten vorsätzlichen Tötung – begangen am Winzerfest 2007 – schuldig gesprochen. Kastrati war zu einer dreijährigen Einschliessung in einer Jugendanstalt verurteilt worden, da er zur Tatzeit noch minderjährig gewesen war.

Kastrati war aber nicht nur aus dem Jugendheim im thurgauischen Kalchrain ausgebüxt, sondern auch aus der geschlossenen Jugendanstalt Aarburg – dies über Dächer unter halsbrecherischen Bedingungen. «Er hatte sich von Anfang an jeglicher Massnahme komplett verweigert», hält Jugendanwalt Hans Melliger fest. Deshalb sei er letztlich in das Gefängnis Grosshof im Kanton Luzern eingewiesen worden: «Wir von der Aargauer Jugendanwaltschaft haben uns schweren Herzens entschieden, dass er die restlichen sechs Monate seiner dreijährigen Jugendstrafe in einer Strafanstalt für Erwachsene absitzen muss.»

Gefängnis wusste Bescheid

Der Leitung vom Grosshof war das Urteil gegen Kastrati zugestellt worden, wie Gefängnisdirektor Zihlmann bestätigt. «Die Vollzugsbehörde des Kantons Aargau schätzte unsere Anstalt als sicher genug ein. Bisher ist auch noch nie jemand ausgebrochen.» Warum die drei anderen Häftlinge türmen konnten, ist auch für Melliger unerklärlich: «Der Grosshof gilt als erfahrene Vollzugsanstalt mit einem guten Sicherheitsdispositiv.»

Wo Kastrati – wenn er denn wieder gefasst ist – eingesperrt wird, wird die Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug im Aargauer Departement des Innern entscheiden. Dass er nicht in eine Jugendvollzugsanstalt eingewiesen wird, ist klar. Denn der Schläger von Döttingen muss nicht nur den Rest seiner Jugendstrafe absitzen. Vorletzte Woche wurde er noch zu weiteren 14 Monaten Haft verurteilt, weil er sich im Mai 2008 wegen Raubes strafbar machte. Die Tat begann er am Klingnauer Stausee, als er aus der Jugendanstalt ausgebrochen war.

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