Zwillingsmord
Anwalt von Zwillingsmörderin: «Bianca G. ist eine sehr arme Frau»

Wie kann man vor Gericht eine Frau verteidigen, die bei vollem Bewusstsein ihre drei Kinder getötet hat? Thomas Fingerhuth, Anwalt von Bianca G., nimmt Stellung. Für den Anwalt ist der Prozess kein Fall wie jeder andere.

Anja Kutter
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«Die Tat ist extrem schlimm.» Anwalt Thomas Fingerhuth.Manuela Matt

«Die Tat ist extrem schlimm.» Anwalt Thomas Fingerhuth.Manuela Matt

Herr Fingerhuth, haben Sie Kinder?

Thomas Fingerhuth: Ja, ich habe drei Kinder im Alter von 10, 13 und 15 Jahren.

Wie können Sie als Vater von drei Kindern eine Frau verteidigen, die ihre eigenen drei Kinder brutal umgebracht hat?

(Überlegt) Hmm. Das ist mein Job. Den habe ich mir irgendwann einmal ausgesucht. Und er ist extrem interessant. Aber es fragen mich viele: «Wie kannst du das tun? Das ist doch ein Monster, die gehört für immer weggesperrt!» Doch wenn man damit nicht umgehen kann, hat man den falschen Beruf. Es gibt aber natürlich Fälle, die einen sehr hernehmen.

Gehört der Horgner Zwillingsmord dazu?

Ja. Am Anfang war es zwar einfach. Da ging es darum, am Kassationsgericht zu erreichen, dass der Fall neu verhandelt wird, nicht um Schuld oder Unschuld. Danach aber folgten sehr schwierige und belastende Gespräche mit Bianca G.

Haben Sie ihr zum Geständnis geraten?

Nein, ich gebe nie Ratschläge ab. Ich präsentiere die verschiedenen Varianten, wie man in einem Prozess auftreten kann. Bianca G. hat sich für die Variante Geständnis entschieden.

Daraufhin haben Sie von ihr die grausamen Taten bis ins Detail geschildert bekommen. Läuft Ihnen der Fall im Privatleben nach?

Nein. Ich versuche das wirklich von mir fernzuhalten. Sobald es zu nahe kommt, macht man seinen Job nicht mehr gut. Und es ist gefährlich, weil man dann nicht mehr abschalten kann.

Wie jeder Verteidiger haben Sie das Ziel, vor Gericht das Optimum für Ihre Klienten rauszuholen. Können Sie das bei Bianca G. mit gutem Gewissen?

Ja. Im Dilemma bin ich als Verteidiger nur, wenn ein Klient sagt: «Ich habe die Tat zwar begangen, aber ich gestehe nicht, sondern will, dass du mich raushaust.» Das war bei Bianca G. nicht der Fall. Bei ihr ging es darum, beim Gericht Empathie zu wecken, wenigstens im Ansatz.

Ist Ihnen das gelungen?

Das müssten Sie das Gericht fragen. Ich meine, nicht ganz; wir hatten zu wenig Zeit. Hätte Bianca G. schon vor einem Jahr gestanden, hätte sie die Sache schon etwas verarbeitet und wäre vermutlich nun während der Verhandlungen in Horgen mehr aus sich herausgekommen. Sie hätte mehr über ihre damalige Situation und ihr Leben erzählt, was für mehr Verständnis gesorgt hätte.

Haben Sie denn Verständnis für die Taten, die Bianca G. begangen hat? Diese Frau hat ihre drei Kinder brutal erstickt!

Nein. Die Tat ist extrem schlimm. Aber Bianca G. ist auch eine sehr arme Frau. Sie ist gefangen in ihren komplexen Persönlichkeitsstörungen. Und das Schwierige ist, dass ihr das jetzt langsam bewusst wird. Die Verhandlungen sind schrecklich für sie.

Das heisst, Sie verabscheuen sie nicht?

Nein.

Sie können normal mit ihr sprechen?

Ja. Wir sprechen über die Taten, wie wenn wir darüber sprechen würden, was wir einkaufen müssen. Es ist sehr technisch.

Das ist kaum vorstellbar. Wie können Sie sich derart distanzieren?

Wie gesagt, das ist purer Selbstschutz. Wenn ich das nicht könnte, dürfte ich diesen Job nicht machen.

Seit 13 Jahren arbeiten Sie als Strafverteidiger. Ist das Ihr bisher schlimmster Fall?

Nein. Vor einigen Jahren gab es einen Fall, der Richtung Osterwalder ging (Der «Babyquäler» René Osterwalder gilt als schlimmster Sexualstraftäter der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte, Anm. der Red.). Da habe ich selber Unterstützung gebraucht.

Zurück zu Bianca G. Sie hat vor Gericht gesagt, dass es ihr nun sehr schlecht gehe. Sie wisse nicht, wie sie mit dieser Schuld weiterleben solle. Kurz vor Weihnachten hatte sie sich das Leben nehmen wollen. Was bedeutet das für Sie als Anwalt? Wie schützen Sie sie?

Ich habe bisher versucht, die Rahmenbedingungen während des Prozesses so optimal wie möglich zu gestalten. Zum Beispiel, dass Bianca G. angenehm transportiert wird, dass sie zwischen den Verhandlungstagen zurück nach Hindelbank kann und nicht ins Polizei- oder Bezirksgefängnis muss. Dort gab es letztes Mal heftige Reaktionen von Mitinsassinnen. Und ich sage den Psychiatern in Hindelbank, dass sie auf sie aufpassen sollen. Mehr kann ich aber nicht tun.

Sie plädieren bei den Zwillingen nicht auf Mord, sondern auf vorsätzliche Tötung.

Ja. Und zwar, weil ich ganz, ganz sicher bin, dass Bianca G. in der Nacht auf den 24. Dezember 2007 nicht geplant hatte, ihre Zwillinge zu töten. Sie ist nicht ins Bett gegangen mit dem Gedanken, später wieder aufzustehen und Mario und Celine in ihren Betten zu ersticken.

Sondern?

Ich glaube, es war wie eine Explosion. Sie ist in dieser Nacht aufgewacht und konnte einfach nicht mehr. Viele Eltern kommen irgendwann mal an den Anschlag. Nur haben die allermeisten eine innere Sicherung. Bianca G. hat diese Sicherung aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörungen nicht.

Das Urteil im Prozess wird am 29. Januar eröffnet.