Anthrax
Antrax-Experte zu Schlieren: «Der Glaube an die giftige Substanz reicht»

Das weisse Pulver in Schlieren war gar nicht giftig. Trotzdem mussten 34 Personen ins Spital. Der Glaube an die giftige Substanz reiche schon, sagt der Historiker Philipp Sarasin*. Das Phänomen hänge mit den Anschlägen vom 11. September zusannen.

Lucien Fluri
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In Wärmedecken gehüllt warten Postangestellte auf den erlösenden Bescheid – kein Anthrax, nur Stärke.

In Wärmedecken gehüllt warten Postangestellte auf den erlösenden Bescheid – kein Anthrax, nur Stärke.

Herr Sarasin, wie können 34 Personen aufgrund von ungefährlichem weissem Pulver Übelkeit und Kopfweh verspüren?

Philipp Sarasin: Es braucht die giftige Substanz gar nicht. Der Glaube daran reicht aus. Der Körper reagiert dann tatsächlich mit Vergiftungssymptomen. In der Situation selbst weiss man dies aber nicht. Das ist tatsächlich spektakulär. In der Medizin ist dies als negativer PlaceboEffekt, d.h. als Nocebo-Effekt bekannt.

Woher kommt diese Angst vor dem weissen Pulver?

In den Wochen nach dem 11. September 2001 gab es fünf tatsächlich vergiftete Briefe mit Anthrax Sporen - Fünf Personen starben. Daneben gab es eine ganze Welle von «Anthrax»-Briefen, die zynischerweise mit der medialen Aufmerksamkeit und der verbreiteten Angst spielten. Eine Weile lang vermutete man fast überall weltweit weisses Pulver. Flughäfen wurden gesperrt, Schulen und Poststellen geschlossen, auch in der Schweiz. Seither hat weisses Pulver diese Konnotation der Vergiftungsgefahr.

Wir leiden also noch immer unter den Folgen des 11. September?

Ich hätte nicht gedacht, dass Leute auch heute noch so heftig auf weisses Pulver reagieren. Das zeigt, wie tiefgreifend solche imaginären Fixierungen gehen. Seit 9/11 haben viele Menschen unabhängig voneinander dieselbe Konnotation rund um weisses Pulver, weil das vor knapp elf Jahren ein so zentrales Medienthema war. Es ist verrückt, wie sehr Mediengeschichten über Jahre hinweg eine Wirkung haben können.

Die Medien helfen mit, solche Vorstellungen zu verbreiten?

Natürlich. Trivialerweise bekommen wir solche Vorfälle nur durch die Medien mit. Und selbstverständlich waren auch die Terroranschläge bewusst so konstruiert: Sie zielten auf eine breite öffentliche Wirkung. Die Angst vor Anthrax ist daher in erster Linie eine Folge der intensiven Mediendiskussion, die wir bei den Terroranschlägen vor gut zehn Jahren erlebt haben.

Spezialisten mit Schutzkleidern und -masken beim Briefzentrum
11 Bilder
Postangestellte auf dem Sammelplatz im Briefzentrum in Schlieren
Verdächtiges Pulver im Schlieremer Briefzentrum gefunden
Sanität und Feuerwehr waren mit einem Grossaufgebot vor Ort
Kurz nach 20 Uhr wurde das Pulver gefunden
Einsatzkräfte vor dem Briefzentrum
Krankenwagen stehen in Schlieren bereit
Die Polizei gibt Entwarnung: Das Pulver ist nach ersten Erkenntnissen harmlos.
Kurz vor Mitternacht wurde die Post wieder freigegeben
Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort
Der Sammelplatz beim Briefzentrum

Spezialisten mit Schutzkleidern und -masken beim Briefzentrum

Keystone

Tatsächlich wurde ein Zusammenhang zwischen Anthrax und islamischem Terror aber nie nachgewiesen.

Richtig. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center wurden die Anthrax-Briefe sofort mit islamistischem Terror in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang ist aber nicht nachgewiesen. Vielmehr geht man mit grosser Gewissheit davon aus, dass ein Mitarbeiter eines amerikanischen Biowaffenprogrammes hinter den Anschlägen steckt. Der Verdächtige hat Selbstmord begannen, seither gilt der Fall als abgeschlossen.

Gibt es andere Beispiele des Phänomens?

Es gibt einige in der Geschichte, und auch die heutige Medizin weiss, dass beispielsweise TV-Berichte über bestimmte Krankheiten sofort zu entsprechenden Fällen in den Kliniken führen. Berühmt ist die Neurasthenie-Welle um 1900 - heute würde man das Phänomen als Burnout bezeichnen. Viele junge Männer klagten damals, dass ihre nerven, ja ihr ganzes Rückenmark zersört sei - ohne dass es dafür einen Nachweis gegeben hätte. Auch von Kriegsheimkehrern aus dem ersten Irak-Krieg ist bekannt, dass sie häufig an denselben ganz spezifischen Symptomen leiden, die offenkundig keinen somatischen Ursprung haben. Historiker können in all diesen Fällen aufzeigen, wei sehr dabei Symptome auftreten, die kurz zuvor in den Medien stark thematisiert wurden.

Der 56-jährige Philipp Sarasin ist Ordinarius für Neuere Allgemeine Gesichte an der Universität Zürich. 2004 publizierte er das Buch «Anthrax. Bioterror als Phantasma».