Buchs
Amokschütze nutzte Gesetzeslücke

Die Untersuchung im Fall des 51-jährigen Schweizers ist abgeschlossen. Es zeigt sich: Wegen einer Lücke im Waffengesetz konnte er selbstständig Käufer für seine beschlagnahmten Waffen suchen. Mit Folgen: Einer gab ihm Waffen zurück – wenige Tage vor der Schiesserei.

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Amokschütze von Buchs

Amokschütze von Buchs

Aargauer Zeitung

Michael Spillmann

Seit 25 Jahren ist der heute 51-jährige Waffennarr der Polizei bekannt. Finaler Höhepunkt: der Schusswechsel mit der Sondereinheit Argus der Kantonspolizei im November 2008. Der zuständige Untersuchungsrichter Beat Richner hat die Ermittlungen im «komplizierten» Fall mittlerweile abgeschlossen. «Was jetzt noch fehlt, ist ein psychiatrisches Gutachten», erklärt er. Die Akten füllen bereits 20 Bundesordner.

Zu Details bezüglich Todeslisten und Schusswechsel mit der Polizei will sich der Untersuchungsrichter nicht äussern. Auskunft geben kann er allerdings zur Frage, wie es der polizeilich bekannte Täter geschafft hatte, neben zahlreichen neuen Waffen an Pistolen und Gewehre zu gelangen, die ihm 2005 von der Polizei weggenommen worden waren.

Waffen vor der Schiesserei zurück

Recherchen der MZ zeigen: Ein Zaubertrick war dafür nicht nötig. Der Buchser konnte - nachdem er gegen die Beschlagnahmung zweimal erfolglos Beschwerde geführt hatte und der Fall danach an die Kantonspolizei zurückgegangen war - gemäss Waffengesetz selber nach Abnehmern für seine Waffen suchen. Das Problem ist: Obwohl sich die involvierten Stellen ans Gesetz hielten, schlug der Schweizer den Behörden ein Schnippchen. Nach mehrjährigem juristischem Streit durfte der Waffennarr sein Arsenal an Kollegen verkaufen. Nachdem diese die Waffen bei der Polizei abgeholt hatten, gab einer der Käufer ihm die Waffen zurück. Ob Zufall oder nicht: Wenige Tage später drehte der Schweizer durch. Es kam zur folgenschweren Schiesserei mit der Polizei.

Update

Todesliste Am 13. November 2008 schoss der Buchser Waffennarr mit einem Gewehr aus seinem Haus. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wurde er von zwei Schüssen getroffen. Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei nicht nur ein riesiges Waffenarsenal und Munition, sondern auch akribisch vorbereitete Todeslisten für ein Dutzend Personen aus Justiz, Polizei und Verwaltung. Da der Aarauer Bezirksamtmann Dieter Gautschi eine der Zielpersonen war, übernahm der Badener Untersuchungsrichter Beat Richner die Untersuchung. (SPI)

«Den Finger draufhalten»

Der Umgang mit Waffennarren ist delikat. Obwohl registrierte Waffensammler jede Änderung in ihrem Bestand der Polizei melden müssen, ist die Dunkelziffer gross. Der Polizei und dem Bezirksamt sind oft die Hände gebunden. Für eine Hausdurchsuchung braucht es einen triftigen Grund, ein Verdacht reicht meist nicht aus.

Die involvierten Stellen müssen nun ihre Lehren daraus ziehen. Untersuchungsrichter Beat Richner: «Beim vorliegenden Fall muss man den Finger draufhalten.» Rudolf Woodtli, Informationschef der Kantonspolizei, doppelt nach: «Der Täter hat seine rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft. Wenn ein Abnehmer die Anforderungen erfüllt, sind uns die Hände gebunden.»

Geladene Waffen griffbereit im Haus

Nach aktuellem Ermittlungsstand bekam der Buchser Sozialhilfeempfänger seine Waffen so zurück: Als er in seinem Garten 30 Schüsse aus einer Schrotflinte abgefeuert hatte, verschafften sich Polizisten am 18. August 2005 per Hausdurchsuchungsbefehl Zutritt zum Haus und beschlagnahmten zahlreiche Waffen.

Unglaublich: Geladene Seriefeuerwaffen lagen griffbereit herum. Die Fachstelle Waffen und Sprengstoff (Siwas) der Kantonspolizei erliess eine Beschlagnahmungsverfügung. Zudem verhängte die Polizei ein Waffenbesitzverbot. Der damals 47-jährige Schweizer reichte gegen die vorläufige Verfügung Beschwerde ein. Der Regierungsrat wies diese im Januar 2006 ab.

Der Buchser zog den Fall weiter ans Verwaltungsgericht, das den regierungsrätlichen Entscheid am 15. März 2007 teilweise aufhob. Allerdings ging es dabei um verfahrenstechnische Differenzierungen zwischen vorsorglicher Beschlagnahmung und definitiver Einziehung der Waffen. Der Antrag, die beschlagnahmten Waffen inklusive Munition seien zurückzugeben, wurde erneut abgewiesen.

Wie aus dem Gerichtsurteil, das der MZ vorliegt, zu entnehmen ist und wie auch auf telefonische Anfrage festgehalten wurde, hat das Verwaltungsgericht zu keinem Zeitpunkt darüber entschieden, was mit den beschlagnahmten Waffen weiter passiert.

Der Fall ging somit zurück an die Kantonspolizei. Ein psychiatrisches Gutachten, um seine Ungefährlichkeit zu erweisen, blieb der Waffennarr in der Folge schuldig. Seine Pistolen und Gewehre blieben in der Obhut der Polizei.

Der Waffennarr konnte auswählen

«Gemäss Waffengesetz hatte er danach zwei Möglichkeiten», erklärt Kapo-Infochef Rudolf Woodtli. Er konnte sie entweder einem Waffenhandelsbetrieb oder aber «anderen berechtigten Personen» übertragen - unter Aufsicht der Siwas. Der polizeilich bekannte Mann entschied sich für die zweite Variante.

Bald fand der Mann zwei Interessierte - zwei ihm bekannte Waffennarren, so Untersuchungsrichter Beat Richner -, die aber erst ihre Waffenerwerbstauglichkeit beweisen mussten. Die Formalitäten zogen sich bis in den Herbst 2008 hin. Am 29. Oktober holte der erste, am 7. November der zweite Käufer Waffen auf dem Polizeikommando in Aarau ab.

Dann ging alles schnell: Während einer der Käufer die Waffen behielt, gab der zweite dem Buchser heimlich einen Teil der Waffen zurück - fünf Pistolen und ein Gewehr. Gegen ihn läuft ein separates Verfahren. Ein Gewehr und zwei Pistolen konnten im Haus sichergestellt werden, eine Pistole hatte er weitergegeben, von zwei Pistolen fehlt jede Spur. Der Untersuchungsrichter hält aber fest: «Er hat mit keiner der zurückerhaltenen Waffen geschossen.»

Prozess erst im nächsten Jahr

Der Waffennarr lag nach dem Schusswechsel in der Gefängnisabteilung des Berner Inselspitals. Seit Januar sitzt er im Aargau in U-Haft. Der Prozess findet frühestens Anfang 2010 statt. Er muss sich wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, strafbarer Vorbereitungshandlungen zu mehrfachem Mord, Gefährdung des Lebens und Herstellung von Sprengstoff und Gefährdung durch Sprengstoff in verbrecherischer Absicht verantworten.