ref. Kirchgemeinde Auenstein

Seniorenausflug 2019 in die Kartause Ittingen

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„Wenn Engel reisen, dann lacht der Himmel,“ so heisst es doch. Und tatsächlich hat der Himmel den ganzen Tag Freudentränen geweint. Das beeinträchtigte die Stimmung der Auensteiner Seniorinnen und Senioren in keiner Art und Weise. Mit zwei vollen Cars ging es am Montag des 20. Mai abseits der Autobahn mit Blick auf zahlreiche Gemüsefelder, schmucke Riegelhäuser und Kiesgruben Richtung Ostschweiz mit Ziel Kartause Ittingen. Sie liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Warth-Weiningen TG. So wie sie sich heute präsentiert, ist das Resultat von ständigen baulichen Veränderungen und Anpassungen im Verlauf von mehr als 900 Jahren. Die Anfänge führen zurück ins 12. Jahrhundert – dem Augustiner Chorherrenstift. 1461 erfolgte die Übergabe des Klosters an die Kartäuser. Durch die strenge Ordensregel wurden die Frauen aus der Kirche „verbannt“. Doch diese machen bereits damals einen „Frauenstreik“ und erzwangen den Bau einer Kirche oberhalb des Rebberges für das „gemeine Volk“. Selbst religiöse Stätten mussten so einiges hinnehmen: so wurde 1524 die Kartause überfallen und niedergebrannt. Die vertriebenen Mönche kehrten erst 1553 zurück und haben die Anlagen im Zuge der Gegenreformation wieder aufgebaut. 1798, nach dem Niedergang der Alten Eidgenossenschaft, verboten die Behörden die Aufnahme von Novizen. Das Klostervermögen wurde vom neu geschaffenen Kanton Thurgau beschlagnahmt, der Wirtschaftsbetrieb von staatlichen Verwaltern geführt. 1848 die endgültige Klosteraufhebung. 1856 wurde die Kartause an Private verkauft. 1977 ging sie an die neu gegründete „Stiftung Kartause Ittingen“ über. Diese betreibt ein Kultur- und Bildungszentrum sowie ein Behindertenwohnheim. In den Gebäuden finden sich zudem das evangelische Begegnungs- und Bildungszentrum tecum, das Kunstmuseum Thurgau und das Ittinger Klostermuseum, zwei Hotels und das Restaurant „Zur Mühle“ mit einen imposanten Mühlrad. Der Gutsbetrieb gehört zu den grössten Landwirtschaftsbetrieben im Kanton Thurgau.

Wasser hat und hatte für das Leben in der Kartause eine immense Bedeutung. Die Quelle dürfte dafür verantwortlich sein, dass das Kloster dort gebaut wurde, wo es heute noch steht. So fliesst das Wasser in die vielen Brunnen innerhalb der Klostermauern, als Frischwasser in die Fischzucht, als Tränke für die Kühe, zur Bewässerung der Reben und des Gartens. Selbstversorgung geht nicht ohne Gartenanlagen. Vor den Zellenhäuschen lagen kleine Gartenbeete. In eines davon, ein Thymianbeet soll sich ein Mönch bei Sonnenschein hingelegt haben, um den ätherischen Duft tief einzuatmen um auf diese Weise geistige Klarheit zu erlangen. Im Lauf der Zeit ist eine eindrückliche Gartenanlage entstanden, in der sich Rebberge, Hopfen-, Gemüse- und Kräutergärten mit der Blütenpracht von Blumengärten zu einem einzigartigen Ganzen verbinden. Klostergärten wurden zur Wiege der Bauerngärten.

Die Angehörigen des Kartäuserordens verfügten - und verfügen bis heute - über eine ausgeprägte Spiritualität, wo sich die eremitische (einsiedlerische) mit der monastischen (mönchischen) Lebensweise verbindet und die Suche nach Gott ins Zentrum stellt. Charakteristisch für sie ist das Schweigen, die Einsamkeit und das Gebet. Ihre Spiritualität hat sich in der Architektur des Klosters, in Bildern und Skulpturen niedergeschlagen, die heute noch Zeugnis von ihrem Glauben ablegen. Wandeln entlang des Kreuzgangs zur Klosterkirche war für die Kartäusermönche eher Alltag, der sonntägliche Spaziergang hingegen diente der Erholung.

Im Ittinger Museum ist das Leben der Mönche hautnah erfahrbar. Das Zentrum bildet die Klosterkirche. Tägliche Gottesdienste bestimmten das Leben der klösterlichen Gemeinschaft. Im Mönchschor, der in früheren Zeiten den Priestermönchen vorbehalten war, steht eines der meistbestaunten Kunstwerke: das barocke Chorgestühl. In der Sakristei sind Teile des Kirchenschatzes erhalten geblieben, wobei der Begriff „Kirchenschatz“ missverständlich ist. Die gezeigten Kelche, Reliquiare, Chorgewänder und Monstranzen waren nicht in erster Linie Wertgegenstände, sondern Instrumente des Gottesdienstes.

Das Refektorium, der Essraum der Mönche, ist neben der Kirche der am reichsten ausgestattete Raum. Hier wurde einzig am Sonntag gemeinsam gegessen und dies mit Schweigen.

Die Mönchszelle des Klosterverwalters (Prokuratur), bildete das Wirtschaftszentrum und lag an der Schnittstelle zwischen dem äusseren Wirtschaftshof und den inneren Klostergebäuden. Von hier aus konnten fast alle Wirtschaftsgebäude überblickt werden; umgekehrt waren die erhöht liegenden Räume von aussen aber nicht einsehbar.

In den 14 Häuschen lebten die Mönche allein wie Einsiedler. An Wochentagen verliessen sie diese nur drei Mal täglich für die gemeinsamen Gottesdienste in der Kirche. Gesprochen werden durfte einzig bei den Zusammenkünften im Kapitelsaal.

In den Räumen der Kartause ist zudem das Kunstmuseum beheimatet. Dies zeigte anfänglich nur Werke regionaler Künstler. Mit Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst mit einem Bezug zum Ort und der Aussenseiterkunst werden weitere Schwerpunkte gesetzt. Diese Werke irritieren die Sehgewohnheiten der Kunst ebenso wie gesellschaftliche Denkmuster. Dadurch funktionieren sie als Modelle alternativer Sichtweisen der Welt. Wie nicht anders zu erwarten, lösten einige Kunstwerke Bewunderung, andere Kopfschütteln aus. Auf jeden Fall wurde darüber heftig diskutiert – so sind zahlreiche Gespräche zustande gekommen mit einem ganz anderen Inhalt als vor dem VOLG in Auenstein.

Eine besondere Anziehungskraft übte der Klosterladen aus. Zahlreiche Produkte wie Käse, Kräuter, Wein und Bier, Gebäck und Mehl des Gutbetriebs sowie Handwerkliches aus den Behindertenwerkstätten fanden den Weg nach Auenstein. Manches Souvenir ist nicht käuflich; so etwa die Bemerkung der Führerin unserer Gruppe, welche von ihrer Erfahrung berichtete wie Gebete von Mönchen und Nonnen sie in einer schwierigen Situation gestärkt haben. Die Wirkung von Gebeten für andere – auch von „gewöhnlichen Leuten“ ist nicht zu unterschätzen.

Auch wenn die Mönche längst ausgezogen sind, so scheint etwas von der Stille und dem kontemplativen Leben der Kartäuser nachzuklingen. Die klösterlichen Werte werden nämlich bis heute weitergeführt: Gastfreundschaft, Begegnung, Bildung, Pflege von Kultur und Spiritualität sowie die Selbstversorgung und Fürsorge.

Obwohl der Ausflug im wahrsten Sinne des Wortes „ins Wasser gefallen“ ist, so war er dennoch ein besonderes Erlebnis und lädt vielleicht dazu ein, diesen Ort nochmals bei Sonnenschein zu besuchen. Ein grosses Dankeschön für die Finanzierung des Ausflugs durch die politische Gemeinde und Kirchgemeinde Auenstein und die Organisation durch Cordelia Ehrhardt.

Hans-Peter Ott

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