Der Wohler Karateka lieferte an den Weltmeisterschaften vor heimischem Publikum das beste Schweizer Resultat. Mit seinen Bronzemedaillen im Einzel und im Team war er an den beiden einzigen Medaillenrängen beteiligt.

Das traditionelle Karate im Kyokushin-Stil kennt grundsätzlich zwei Wettkampfformen - das Kumite (Kampf) und die Kata (Formen). Eine Kata ist eine genau definierte Abfolge von verschiedenen Schritten und Bewegungen, bei denen diverse Arm- und Beintechniken ausgeführt werden. Dies wird häufig mit einem „Scheinkampf" verglichen, da die Abfolgen von Schlägen und Tritten gegen einen imaginären Gegner gerichtet sind.
Die Weltmeisterschaft ist der wichtigste Event des Weltverbandes IFK (International Federation of Karate). Für die Disziplin Kata fand sie vergangenes Wochenende in der Schweiz statt. In der Krauerhalle in Kriens trafen sich am Samstag, 17. April 2010, die besten Karatekas in dieser Disziplin.

Für das heimische Publikum hätte das Turnier nicht spannender verlaufen können. Nachdem bei den Junioren weder im Einzel noch im Team ein Podestplatz resultierte, lagen alle Hoffnungen auf der Elite. Von der letzten Weltmeisterschaft hatte die Schweiz einen dritten Rang in der Teamkategorie zu verteidigen, doch starteten die Formationen in neuen personellen Zusammenstellungen. In der Einzelwertung konnte im Jahr 1999 letztmals eine WM-Medaille verbucht werden. Entsprechend schwierig war es abzuschätzen, wie hoch die Chancen in diesem Jahr stehen würden.

Zuerst starteten die Damen. Nach dem ersten Durchgang lagen gleich zwei Schweizerinnen in Führung, und auch Janine Meyer vom Karate-Club Wohlen schaffte den Einzug in die zweite Runde. Dann allerdings lief es den Einheimischen nicht mehr so gut. Meyer verpasste den Einzug ins Final, ebenso die bis anhin Führende. Mit Dolores Jaros aus Strengelbach konnte mit einem knappen und undankbaren vierten Rang die letzte Medaillenhoffnung nicht erfüllt werden.

Bei den Herren waren gar drei Wohler am Start. Sehr unglücklich lagen Ronny Furger und Gerry Baumgartner nach der Vorrunde punktgleich einen Zehntel hinter dem 16. Rang, welcher die Limite für den zweiten Lauf bedeutete. Damit war für die beiden diese Kategorie leider bereits beendet. Zwei Schweizer lagen noch in den Top Ten. Der Wohler WM-Neuling Marcel Unterasinger positionierte sich gar auf dem aussichtsreichen dritten Zwischenrang zwischen den letztmaligen Medaillengewinnern.
Im zweiten Lauf setzten sich dann der amtierende Weltmeister Darren Stringer aus England und der Russische Meister Andrej Khimichenko an die Spitze. Vize-Weltmeister Sergej Makarov und Alexej Korolev, beide aus Russland, konnten sich dank Streichnote mit Punktgleichheit ebenfalls noch vor Unterasinger einreihen, welcher nun auf den fünften Rang abrutschte. Emmenegger war als einziger weiterer Schweizer ebenfalls noch auf siebter Position für den Final qualifiziert, hatte aber damit keine realistische Chance mehr auf Medaillenränge.
Der Finallauf war mit dieser Ausgangslage an Dramatik nicht zu überbieten. Emmenegger zeigte einen souveränen Lauf und konnte sich in der Schlusswertung gar noch um einen Rang verbessern. Unterasinger wählte ein Kata mit der höchsten Schwierigkeitsstufe und entsprechendem Risiko. „Ich hatte nichts mehr zu verlieren", so der Wohler, „und ich wusste, dass ein Podestplatz immer noch möglich war. Also hiess es für mich: Alles oder nichts!". Seine Darbietung war hervorragend und erntete hohe Jurynoten. Doch würde das reichen? Alexej Korolev lief - und hatte tiefere Noten. Nun stand nur noch der Vize-Weltmeister zwischen Unterasinger und dem Podest. Und auch Sergej Makarov musste sich geschlagen geben! Die beiden Topfavoriten Stringer und Khimichenko liessen allerdings nichts mehr anbrennen und holten sich Gold und Silber. Damit war Bronze für Marcel Unterasinger auf sicher und die Sensation perfekt.

Zum Schluss stand noch die Teamkategorie an, wo jeweils drei Wettkämpferinnen und Wettkämpfer eine Kata synchron laufen. Dolores Jaros und André Emmenegger hatten an der letzten Weltmeisterschaft hinter Russland und Grossbritannien Bronze geholt. Zusammen mit dem Neuzugang Marcel Unterasinger bildeten sie heuer das Team Switzerland I. Gerry Baumgartner und Ronny Furger von Wohlen starteten gemeinsam mit Urban Zihlmann aus Kriens als Team Switzerland II.
Nach dem Startlauf musste sich das erste Schweizer Team hinter zwei Russischen und einem Britischen Team auf dem vierten Zwischenrang einreihen. Zwar schafften es nach dem zweiten Durchgang sämtliche vier heimischen Teams ins Finale, doch den Viertplatzierten gelang es nicht, sich nach vorne zu verbessern. Wieder lag also die letzte Hoffnung im alles entscheidenden Endgang.

Das Team Switzerland II mit den beiden Wohlern schaffte es auf den hervorragenden sechsten Rang. Und auch die Schweizer Medaillenhoffnung Switzerland I zeigte starke Nerven und lieferte eine phänomenale Vorgabe, mit welcher die Briten nicht mehr mithalten konnten. Das russische Frauenteam kam ebenfalls nicht über die Punktzahl von Team Switzerland I hinaus. Es konnte sich aber dank einer Streichnote noch auf dem zweiten Platz hinter ihren Landsmännern behaupten. Knapp an Silber vorbei, freuten sich Jaros, Emmenegger und Unterasinger aber dennoch über das Topresultat Bronze.
„Wir sind überglücklich, dass es doch noch gereicht hat", sagten die drei erleichtert, „den Bronzerang wollten wir unbedingt verteidigen, auch wenn die Konkurrenz hart war. Denn in der Teamkategorie sind wir stark." Das eindrückliche Mannschaftsresultat der Schweiz mit allen vier Teams unter den besten Acht unterstreicht diese Aussage deutlich. (mun)