Aarau

«Wir Christen mischen uns ein.»

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An der Fachtagung am Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau wurde Klartext gesprochen: «Als Christ will ich mich in die Gesellschaft einmischen», machte Pfarrer Dr. Paul Kleiner, Rektor des TDS Aarau, klar. «Christliches Handeln ist willkommen», antwortete Christof Meier, Leiter Integrationsförderung der Stadt Zürich, «solange es nicht ausgrenzt.» Die Tagung zeigte auf, dass der Schlüssel in der Kombination von Einmischung und Toleranz liegt.

Vor zwanzig Jahren sei es ein Tabu gewesen, in einer pädagogischen oder sozialen Ausbildung zu seiner christlichen Motivation zu stehen, sagte Christof Meier, Leiter Integrationsförderung der Stadt Zürich. Dies habe sich spürbar verändert. Auch Nina Wyssen-Kaufmann, Professorin für Soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule, beobachtet, dass Spiritualität und christlicher Glaube in ihrem Umfeld vermehrt thematisiert würden. In ihrem Hauptreferat plädierte sie dafür, «christliches Handeln» verständlich zu übersetzen: Menschen ohne Bezug zum christlichen Glauben müssten nachvollziehen können, wie sich christliches Denken und Handeln in der Sozialen Arbeit praktisch und greifbar äusserten. In den Fokus stellte sie das Gleichgewicht aus mutiger Einmischung und sensibler Toleranz. Wer sich konstruktiv einmische, handle nicht nur, sondern erweitere bewusst seine Wahrnehmung und seine Kompetenz. Gleichzeitig gelte es, die Würde seiner Mitmenschen konsequent zu achten.

Nicht ohne Absicht – aber ohne Bedingung
Christliches Handeln sei bedingungslos, betonte Pfarrer und TDS-Rektor Paul Kleiner, und erklärte dies zunächst am Modell «Suppe – Seife – Seelenheil» der Heilsarmee: «Wenn sich jemand ausdrücklich nicht für das Seelenheil interessiert und nur Suppe und Seife will, dann verweigern wir ihm die Hilfe nicht. Wir ertragen den Schmerz über sein Desinteresse – „tolerare“ bedeutet „ertragen“ – und lassen diesen nicht an ihm aus. Wir orientieren uns dabei an Jesus Christus, der zehn Aussätzigen half, obwohl nur ein einziger sich auch in seiner Gottesbeziehung heilen liess. Die anderen neun begnügten sich mit den körperlichen und sozialen Aspekten. Das Handeln Jesu war nicht absichtslos – er wollte ganzheitliche Heilung schenken – aber bedingungslos: Wer nur einen Teil der Heilung wollte, bekam diesen.»

Einmischung hätte immer gewaltlos zu geschehen, führte Kleiner weiter aus, manchmal brauche es allerdings eine Extraportion Mut dazu: «Wenn Menschen verachtet und von Machtstrukturen marginalisiert werden, dann mischen wir uns im Namen der Gerechtigkeit ein. Wenn Kaiser „Geld“ und König „Effizienz“ regieren und soziales Handeln rationalisieren sowie Liebe rationieren, dann stehen wir mutig für die Wahrheit ein: Jeder Mensch ist von Gott geliebt und braucht mehr Liebe, als er verdient.»

 «Toleranz heisst nicht, alles gut zu finden, sondern bedingungslos zu ertragen.» Pfr. Paul Kleiner

Integrieren – nicht ausgrenzen
Christliche Ethik und eine von Toleranz geprägte Motivation seien gute Voraussetzungen für gesellschaftliches Engagement, bilanzierte Integrationsförderer Christof Meier. Schwierigkeiten gebe es nur dort, wo Christen ihre persönlichen Ansichten und Interessen über diejenigen der betroffenen Menschen stellen würden: «Wie immer Sie zu Homosexualität, Abtreibung oder Aidsprävention stehen, eine allfällige Ablehnung aus christlicher Sicht soll sich nicht in Ihrer Sozialen Arbeit ausdrücken.» Christliches Engagement solle nicht der Abgrenzung dienen, betonte Meier, sondern vielmehr eine Gesellschaft unterstützen, «in der sich alle entfalten und ihren Beitrag zur Gestaltung der gemeinsamen Zukunft leisten können.»

icp-Leiter Dr. Roland Mahler hatte dies am Morgen so formuliert: «Christliches Handeln geschieht in Geduld, Bescheidenheit und Rücksicht.»

«Einmischen bedeutet zunächst aufmerksames Hinschauen.»

Christof Meier

Einmischung und Toleranz in einer Leitungsfunktion
Inspiriert von den fundierten Referaten, vertieften die Teilnehmenden Fragestellungen aus ihrem beruflichen Kontext in Workshops, die ein breites Themenspektrum umfassten: von der Jugend- und Seniorenarbeit über Arbeitsintegration und Suchtarbeit bis zur Arbeit mit Behinderten und psychisch beeinträchtigten Menschen.

In einer Diskussionsrunde zu Herausforderungen der Jugendarbeit in der reformierten Landeskirche beschäftigte man sich mit der Balance aus Einmischung und Toleranz in einer Leitungsfunktion: «Wenn einer meiner Hilfsleiter in seiner gut gemeinten Euphorie und ansteckenden Begeisterung introvertierte Jugendliche zu überrumpeln droht, wann und wie greife ich dann konstruktiv ein, ohne zu verletzen und intolerant zu sein?»

Dass das Thema «Christliches Handeln in Form von Einmischung und Toleranz» die Sozialarbeitenden unmittelbar berührte, belegte das hohe Interesse an der Tagung, die in dieser Form zum ersten Mal durchgeführt wurde. Mit 150 Anmeldungen war sie vorzeitig ausgebucht.

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