Die Schule misst Leistungen. Standortbestimmungen und Checks sind aktuelle Themen in der Schullandschaft. Gute Leistungen machen stolz. Leistungsmessungen können aber auch Scham erzeugen. Die Lehrpersonen der Schule Menziken widmeten sich im Rahmen ihrer Weiterbildung im Vorfeld des Schuljahresbeginns dem Thema „Schüler im Zentrum“. Am Freitagnachmittag sprach Gastreferent Stephan Marks über Schule und Scham.

Die Scham ist universell, jeder Mensch kennt dieses Gefühl. Der deutsche Sozialwissenschaftler, Supervisor und Lehrerfortbildner Stephan Marks beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema „Menschenwürde und Scham“. In seinem Buch „Scham – die tabuisierte Emotion“ zeigt er auf, wie Scham entsteht und welche Auswirkungen sie auf uns Menschen haben kann. Die Schulleitung der Schule Menziken hat Stephan Marks eingeladen, mit den Lehrpersonen die Bedeutung der Scham im Klassenzimmer zu erörtern.

Das Wasser ist die Scham
Schule und Scham sind eng verknüpfte Themen. Kaum jemand, der sich nicht an schamvolle Momente aus der eigenen Schulzeit erinnert. Die Scham bezieht sich nicht nur auf Leistung und Wissen, sondern auch auf soziale Bereiche, und zählt zu den schmerzhaftesten Gefühlen. Sollte die Schule sie also möglichst vermeiden? – Nein, sagt Stephan Marks. Vielmehr gehört es zu den Aufgaben einer Lehrperson, Scham zuzulassen oder gar zu erzeugen.

Mit einer Flasche steht Stephan Marks vor dem Publikum und giesst Wasser in einen Becher. Sein Vortrag lebt von Beispielen und Bildern. Das Wasser ist die Scham. Menschen sind in der Lage, ein gewisses Mass an Scham zu ertragen, sozusagen wie der Becher in sich aufzunehmen. Scham kann eine Lernchance sein. Der Referent plädiert dafür, den Schülern Scham zuzumuten, sie aber dennoch nicht zu beschämen. „Manchmal genügt ein falscher Blick, ein falsches Wort und das Gefäss fliesst über.“

Die Rolle der Flasche übernehmen
Scham ist sowohl kulturell als auch genetisch bedingt. Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Forschungsresultate zeigen auf, dass etwa jeder fünfte Mensch besonders dünnhäutig ist. Das Ausloten der Schamgrenzen zählt Stephan Marks zu den wichtigsten Aufgaben in der Beziehungsarbeit zwischen der Lehrperson und ihren Schülern. In seinem Vortrag ermutigte er die Menziker Lehrpersonen, Position zu beziehen, die Rolle der Flasche zu übernehmen. Generell stellt er fest, dass viele Lehrer aber auch Eltern nicht mehr wagen, Kinder auf Fehler hinzuweisen, aus Angst vor unangenehmen Gefühlen und schlechter Stimmung. Kinder brauchen jedoch klare Rückmeldungen, um aus Fehlern zu lernen und sich weiterentwickeln zu können.

Wichtig im Umgang mit Scham, so betonte Stephan Marks, sei die Wahrung der Menschenwürde. Jeder Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach Anerkennung. Dies bedeute aber nicht, dass man alles toll finden müsse, was ein Kind mache, sagte Stephan Marks und sprach augenzwinkernd von der „Tollwut“ mancher Eltern. Seine zentrale Botschaft lautet: „Zwischen Verhalten und Person muss zwingend unterschieden werden!“  Menschen müssen lernen, mit Fehlern und der damit verbundenen Scham umzugehen. Kritik sollte aber so formuliert werden, dass das Schutzbedürfnis gewahrt wird. Wer aus der Kritik den Schluss zieht, selber ein Fehler zu sein, kann kaum etwas daraus lernen, was ihn weiterbringt.

Alles andere als Flaschen
Um Lernen und Leisten ging es auch in den Workshops, welche die Menziker Lehrpersonen am Freitagvormittag besuchten. Gruppenweise beschäftigten sie sich mit Themen wie Leistungschecks, kooperativem Lernen oder dem Zusammenhang von Sprechen, Falten und Spielen. Eine Gruppe besuchte im solothurnischen Gunzgen das Ausbildungszentrum der Schweizerischen Vereinigung für die Berufsbildung in der Logistik (SVBL). Vor Ort erhielten die Lehrpersonen von Berufsschullehrer Daniel Calò und Standortleiter Jens Rudolph Informationen zum Ausbildungskonzept und durften sogar den einen oder anderen Praxisposten selber ausprobieren. Beim Gabelstaplerfahren kam Stimmung auf. Einige Lehrer erwiesen sich als alles andere als „Flaschen“ und stapelten nach kurzer Einführung gekonnt Paletten aufeinander.