Der «Vogel der Weisheit» war früher ein häufiger und verbreiteter Brutvogel in der Schweiz. Mit dem Rückgang von Hochstamm-Obstgärten begann ab den Fünfzigerjahren auch der Steinkauz zu verschwinden. Heute gibt es nur noch kleinere Vorkommen in den Kantonen Jura, Genf und Tessin. 2005 stellte man im Berner Seeland eine neue Besiedlung fest. Der Steinkauz hat somit auch in der Schweiz eine Chance zur Wiederausbreitung.

Im alten Griechenland waren Eulen gut angesehen und insbesondere der Steinkauz galt als «Vogel der Weisheit», ausgewählt von der Göttin Athene, der Beschützerin Athens und Göttin der Weisheit. Der Steinkauz mit Ölzweig und Mond zierte griechische Münzen, die daher kurz «Eulen» (nicht Euro!) genannt wurden. Da Athen damals wie heute eine grosse Steinkauz-Population aufweist, sagt man «Eulen nach Athen tragen» für «etwas Unsinniges oder Überflüssiges tun». Der nachtaktive kleine Steinkauz ist ein Höhlenbrüter, meidet aber im Gegensatz zu vielen anderen Eulen den Wald. Er liebt offene Landschaften, auch in der Nähe von Siedlungsgebieten – wie das Beispiel Athen zeigt. Seine Nahrung bilden vor allem Feldmäuse, Kleinvögel, Insekten und Regenwürmer.

Der Steinkauz-Spezialist der Schweizerischen Vogelwarte, Beat Naef-Daenzer, vermittelte in einem von BirdLife Brugg organisierten Vortrag am 17. Februar 2016 interessante Einblicke in das Leben des Steinkauzes.

Steinkauz-Förderung in der Schweiz
Die Vogelwarte Sempach untersuchte die Steinkauz-Population im Raum Baden-Württemberg, um daraus u.a. auch Erkenntnisse für die Populationsausbreitung in der Schweiz zu gewinnen. Mittels Radiotelemetrie wurde der Lebenskalender der Steinkäuze untersucht: Nestlingszeit, Erkundung der Umgebung, Abwanderung, Fortpflanzung. Im Gegensatz zum deutschen Projektgebiet sind in der Schweiz die vom Steinkauz bevorzugten Hochstamm-Obstgärten klein und zersplittert, über 80-jährige Bäume selten. Das Angebot an Baumhöhlen, kleinen verlassenen Häuschen und Holzstapeln ist gering, die Bewirtschaftung von Wiesen zu wenig extensiv. Es gibt aber durchaus Potenzial für eine Einwanderung in die Schweiz. Allerdings bringt ein Aussetzen – wie etwa beim Bartgeier praktiziert – keinen Erfolg.

Wichtige Förderungsmassnahmen sind der Erhalt und das Pflanzen von Hochstammbäumen, ungedüngte Wiesen, extensive Weiden und mardersichere Spezialnistkästen in Gebieten, wo die Nahrungsverfügbarkeit gewährleistet ist. Gefragt ist auch Mut zu etwas «Unordnung» im Landwirtschaftsgebiet! Weitere Voraussetzung ist eine Zusammenarbeit von Vereinen, Gruppen und Einzelpersonen mit BirdLife Schweiz, der Koordinationsstelle der Feldarbeit. 2015 wurden 85 neue Nistkästen installiert, für 2016 sind 100 weitere geplant.

Eine Erfolgsgeschichte…
… ist im Berner Seeland zu verzeichnen. 2005 kehrte der Steinkauz dorthin zurück, 2015 gab es zwei Bruten. Dieses Beispiel zeigt auch, dass intensiv bewirtschaftetes Ackerland und Gemüsefelder den Steinkauz nicht abschrecken, solange benachbarte naturnahe Flächen und geeignete Nistmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Der Bestand in der Schweiz beginnt sich langsam zu erholen und liegt zurzeit bei rund 120 Brutpaaren.

Zur Frage einer Teilnehmerin am Schluss des Vortrags, woher der Name Steinkauz kommt, meinte der Referent: «Bei uns müsste er tatsächlich Apfelkauz oder ähnlich heissen. In Südeuropa lebt der Steinkauz jedoch im wahrsten Sinn des Wortes in steinigem Gebiet, zwischen Steinblöcken und in Bruchsteinmauern. Dort ist er auch tagaktiv.»

Text und Bilder: Edith und Beni Herzog, BirdLife Brugg