Büblikon (Wohlenschwil)

Spielzeugfreier Kindergarten Wohlenschwil und Mägenwil

megaphoneLeserbeitrag aus Büblikon (Wohlenschwil)Büblikon (Wohlenschwil)

Seit Januar 2010 spielen die Kindergartenkinder von Wohlenschwil, sowie die Kinder einer Abteilung von Mägenwil während drei Monaten ohne vorgefertigtes Spielzeug.

In unserer heutigen Gesellschaft ist alles viel hektischer geworden und das Besitzen materieller Dinge hat einen viel grösseren Stellenwert, als Zeit für sich und andere zu haben.

Das Projekt wird durch die Suchtprävention Aargau geleitet und geführt. Auf den ersten Blick mag der Zusammenhang zwischen einem spielzeugfreien Kindergarten und der Suchtprävention nicht offensichtlich sein. Die Ursache von Sucht - unabhängig vom Alter- liegt oft auch daran, dass wichtige Lebenskompetenzen in der Kindheit nicht genügend entwickelt werden konnten. Abhängigkeit kann ein Zeichen mangelnder Lebenskompetenzen sein, dem Unvermögen, sich mit den eigenen Problemen angemessen auseinander setzen zu können. Je früher diese Kompetenzen gefördert werden, desto grösser ist die Chance eines Kindes, ein gesundes Leben führen zu können. Der spielzeugfreie Kindergarten zielt genau auf diese Problematik ab. Die Kinder sollen dahingehend gefördert werden, dass sie ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und ihre sozialen Kompetenzen und lebenspraktischen Fertigkeiten verbessern können.

Für den Zeitraum von drei Monaten werden gemeinsam mit den Kindern sämtliche Spielsachen aus dem Kindergarten entfernt. Tische, Stühle, Tücher, Kissen und Seile bleiben vorhanden. Die Kindergartenkinder beschäftigen sich in den drei Monaten ausschliesslich mit „selbst hergestellten" Spielsachen, mit Rollenspielen, Gesprächen oder in der freien Natur - je nach dem aktuellen Wunsch der Kinder.

Es entstehen:
- Burgen, Schlösser, Gefängnisse, Schiffe, Hotels, Feuerwehr- /Polizeistationen, Zoo usw. Jeder Tag bringt wieder etwas Neues.

Die Knaben und Mädchen sind während dieser Zeit auf sich selbst gestellt und müssen lernen, sich zu beschäftigen. Sie müssen sich in erster Linie mit der eigenen Person auseinandersetzen und auf die anderen Kinder eingehen - das führt zweifellos zu Langeweile, Frustration oder Problemlösung die zwingendermassen passieren muss, da ja keine Ablenkung oder Flucht mit oder zu Spielzeug vorgenommen werden kann. Durch die Eigenverantwortung und die Phantasie wird Raum geschaffen für Selbstbestätigung und Selbstbewusstsein. All diese Eigenschaften führen zu einem anderen Umgang mit Problemen und Hindernissen und deren Überwindung ohne den Drang zur Flucht.

Zudem werden folgende Ziele gefördert:

- Stärken des Selbstvertrauens
- Stärkung der Beziehungsfähigkeit (Teamarbeit)
- Erweiterung der Sprachkompetenz
- Kreative Problemlösungen
- Stärkung der Frustrationstoleranz
- Fördern der Spielfähigkeit

Die Regeln werden durch die Kinder bestimmt. Jedes Kind hat die Möglichkeit die Glocke zu läuten, wenn es keine Einigung gibt. Gemeinsam werden Lösungen erarbeitet. Diese Treffen werden anfänglich von der Kindergärtnerin als Moderatorin geleitet. Je nach Gruppe übernehmen die Kinder auch dies selber.

Den Zeitpunkt, wann die Kinder den Znüni essen, bestimmen sie selber. Das gemeinsame „Picknicken" geniessen sie integriert in ihr Spiel oder bewusst als Pause. Während am Anfang viele das Znüni gleich nach der Ankunft im Kindergarten essen wollten, kommt es auch vor, dass sie es vor lauter Spielen fast vergessen.

Am Ende des Halbtages gibt es eine Auswertungsrunde in der jedes Kind die Chance hat seine Gefühle und das Erlebte zu formulieren. Es ist spannend zu wissen, wie es einem Kind ergangen ist, die Kinder hören aufmerksam zu.

Mit einem Informationsabend wurden die Eltern informiert und wenn das Projekt abgeschlossen ist, gestalten wir einen gemeinsamen Rückblick.

(Quelle: Textausschnitte Schulblatt Nr. 4/10 - Spielzeugfreier Kindergarten)

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