Gebenstorf

Podiumsdiskussion «Sterben in Würde»

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“Alles hat seine Zeit“ - 4. Abend der Vortragsreihe im ref. Kirchgemeindesaal Gebenstorf

„Sterbebegleitung bedeutet für mich: die schwierige Situation und die eigene Hilflosigkeit aushalten, DA-bleiben, den Sterbenden nicht allein lassen. Niemand soll allein sterben müssen, der es nicht will" - so fasste Dr. Gerhard Ruff (Theologe) auf Nachfrage sein Verständnis von Sterbebegleitung zusammen. Sich mit dem auseinanderset-zen, was einem selber möglich ist und nichts gegen diese eigenen Möglichkeiten tun zu wollen. Er selber sei einmal in einer Situation um MEHR gebeten worden, habe dem dann aber nach einer intensiven Auseinanderset-zung mit den eigenen Werten nicht entsprechen können.

Ein anderes Verständnis von „Sterbebegleitung" machte die Antwort von Walter Fesenbeckh (Exit) auf die glei-che Frage deutlich. Er sprach davon, dass es sich bei Exit trotz vorheriger intensiver Gespräche mit Sterbewilli-gen und Angehörigen doch eigentlich um eine „Suizidbegleitung" handele. Das passiere natürlich zeitlich geplant, in Anwesenheit von Familie und Freunden, häufig in einer fast heiteren Atmosphäre.

Unter der anregenden und doch ruhigen Moderation von Röbi Koller berichtete Christine Egerszegi von zwei ganz unterschiedlichen Sterbesituationen in ihrer Familie: Von der Mutter, die körperlich langsam verfiel und zu einem bestimmten Zeitpunkt deutlich zu verstehen gab, dass sie nicht mehr leben wollte. Und von ihrem Mann, der zwar körperlich unverändert da war, sich geistig aber immer mehr entfernte und dann ganz still gegangen ist.

Vom Sterben im Spital erzählte Dr. Astrid Schönenberger (Leitende Ärztin Onkologie Spital Langenthal) - von den Bemühungen des Pflegepersonals um ein würdiges Sterben und auch von den Grenzen, die ein Spital mit seinen Strukturen und unterschiedlichen Interessen manchmal setzt. Da gibt es vielfach zu wenig Ruhe für Ster-bende und ihre Angehörigen, durch Schichtdienst bedingtes Wechseln von Personal, finanzielle Aspekte des Spitals und unserer Gesundheitsversorgung stehen manchmal im Weg. Ob sie denn den Tod von Patienten als Niederlage empfände, fragte Röbi Koller nach. Nein, das war vielleicht früher einmal so - heute wird der Tod eher akzeptiert, manchmal auch als Erlösung betrachtet.

Was es denn eigentlich mit der vielzitierten „Würde" auf sich habe, wollte Röbi Koller wissen und welche Rah-menbedingungen es brauche, um in Würde sterben zu können.

Für Walter Fesenbeckh gibt es den objektiven Würde-Begriff, Würde, die jedem von uns angeboren ist und die nicht angetastet werden darf; dem gegenüber steht für ihn die subjektive Würde, die jeder für sich selbst definiert.
Für Gerhard Ruff hingegen ist Würde nicht teilbar. Er misstraut der subjektiven Definition, die vielleicht unter gesellschaftlichem Druck entstanden sei. Hingegen sieht er es als unser aller Aufgabe an, die Würde des ande-ren zu schützen und zu stützen, statt z. B. Situationen von Abhängigkeit „unwürdig" zu nennen.

Christine Egerszegi sprach davon, dass der Gesetzgeber zwar zu Beginn unseres Lebens alles geregelt hat, Themen wie „Sterben" und „Tod" jedoch in der Politik fast nicht vorkommen. Denn es müsse unbedingt verhin-dert werden, dass Menschen unter Druck, im Affekt „freiwillig" aus dem Leben gehen, gar noch auf Parkplätzen oder in Fabrikhallen. Das müsse den Gesetzgeber interessieren, das müsse er regeln!
Es beschäftige sie, dass jeder medizinische Eingriff heute von den Krankenkassen bezahlt wird - wenn aber jemand auf alles verzichtet und nur noch gepflegt werden möchte, hat er Mühe, dass die Kosten gedeckt sind. Und sie schloss die provokative Frage an, warum denn Geburtshäuser finanziell unterstützt würden, Hospize für ein gutes Lebensende hingegen nicht.

Ob man denn den Umgang mit Sterbenden lernen kann, wollte Röbi Koller wissen. Und er bekam Antworten wie: Einander besuchen, hingehen - das Gespräch übers Sterben nicht verweigern, aber auch nicht aufdrängen - und dann auch die Angehörigen nicht vergessen, die am Schluss mit dem Verlust weiterleben müssen.

Mit anhaltendem, herzlichem Applaus dankten ungefähr 150 aufmerksame Zuhörer und Zuhörerinnen den Podi-umsteilnehmern für ihre z. T. sehr persönlichen Ausführungen und Röbi Koller für seine engagierte Moderation.

Das Thema „Patientenverfügungen" beschliesst am Dienstag, 17. November (19.30 ref. Kirchgemeindehaus), diese fünfteilige Veranstaltungsreihe. (hse)

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