Das ging unter die Haut

von Herbert Ammann

Wenn ein Deutschschweizer  Schriftsteller in Mundart schreibt, so begrenzt er seinen möglichen Lesermarkt automatisch auf vielleicht sechs Millionen mögliche Leser. Schreibt er in der Schriftsprache, dann ist sein potentieller Markt mindestens zehnmal grösser. Wer dem in Langenthal aufgewachsenen, in Olten wohnenden Pedro Lenz in seinen Lesungen zuhört, kann vermuten, weshalb er sich (meist) für diese Limitierung entscheidet: Er kommt im Dialekt seinen Zuhörern viel näher als in der für viele Schweizer immer noch ziemlich künstlichen Hochsprache. Ihn zu lesen, ist nicht immer einfach, ihm zuzuhören ist berührend, macht nachdenklich, bringt einem zum Lachen, auch über sich selbst.

Am letzten Sonntag las Pedro Lenz bei den Odd Fellows in der altwehrwürdigen Aula der Alten Kantonsschule Aarau, in der damals wohl auch Albert Einstein sein Maturazeugnis in die Hand gedrückt erhielt. Der gelernte Maurer las beim weltlichen Orden, der im ausgehenden Mittelalter aus der Bauhütten hervorgegangen war. Und schon bei der ersten Geschichte ‚Yolanda‘ aus seinem neuen Buch Liebesgschichte war den über 100 Zuhörerinnen und Zuhörern klar: So kommt Pedro Lenz seinem Publikum viel näher als wenn er in der Schriftsprache lesen würde.  Pedro Lenz beschreibt in dieser Geschichte aus einem Schweizer Eisenbahzug einen jungen Mann, der mit seiner Yolanda telefoniert und mit ihr eigentlich Schluss machen will. Die Mitpassagiere und der Autor bekommen mit, wie es bei Yolanda im einfachen Zimmer aussieht, vermuten, wie es sie wohl erwaddlet. Sie erfahren, wie der junge Mann zaudert, keine Zukunft mehr sieht in einer Beziehung, die ihm doch so viel gegeben hat einst. Er erzählt von seinen Träumen, vom Vollgas geben in eine Zukunft, bei der sie ihm im Weg zu stehen scheint.  Pedro Lenz gibt einem jungen Mann am Ende seiner Lehrzeit eine Stimme. Er beschreibt eine Szene, wie wir alle sie fast täglich erleben, es ist eine Geschichte ganz aus der Mitte der heutigen Zeit, aber eben auch eine Geschichte, in der jeder und jede selbst im Mittelpunkt stehen könnte. Deshalb berührt  diese Geschichte.  Pedro Lenz liest so vor,  dass es vor allem auch der Wortklang ist, der seine Zuhörer beeindruckt. Wenn er Fremdwörter oder Wörter in einer anderen Sprache ausspricht, dann so, wie wir das alle in unserer Jugend ausgesprochen haben, nicht perfekt     z. B. englisch, aber auch nicht anbiedernd mit Akzent. ‚Blowing in the wind‘ tönt dann  wie es der Arbeitslose ausspricht, der sich an Jugendgeschichte eine vor Jahrzehnten erinnert. Dem das Grillfeuer mit Kollegen an einem Wochenende wieder in den Sinn kommt, zu dem dann auch seine spätere Frau dazukommt. Von den ersten, wunderschönen  Gefühlen füreinander und was davon nach 30 Jahren Zusammenleben und mit ausgeflogenen Kindern geblieben ist. Pedro Lenz gibt mit seiner Sprache diesem einfachen Mann, der seiner Frau unterdessen so wenig zu bieten hat, eine Stimme.Wenn letzthin ein Literaturkritiker Pedro Lenz als eine Art grossgewachsenen Buster Keaton beschrieb, hat er wohl zum Teil recht: Vor allem wer seine melancholische, kritische,  nachdenkliche Seite sieht, mag dem Vergleich recht geben.

Häufig schreibt Pedro Lenz, als Maurer ursprünglich vom Bau kommend,  in der Sprache einfacher Leute, aber nie stereotyp und nie sich anbiedernd. Oft auch geht es um zu kurz Gekommene, schräge, ungerade, überzählige Typen. Müsste man dafür einen englischen Ausdruck finden, man würde dem wohl odd sagen:Schräg, ungerade, überzählig, sonderbar. Also eine Art Odd Fellows. Es ist ein schöner Zufall, dass auch die Odd Fellows ihre Wurzeln auf dem Bau haben. In den Bauhütten des ausgehenden Mittelalters versprachen sich ihre Vorfahren Solidarität und halfen den betroffenen Familien, wenn einem auf dem Bau ein Unglück passierte. Alle sollten gleich sein – das war vor der französischen Revolution nicht allen genehm… Die Odd Fellows Aarau gibt es zwar erst seit Februar 1925. Bald musste man sich nach der Gründung sogar in einer Eidg. Volksabstimmung bewähren, bei der Abstimmung über die sog. Fonjallaz-Initiative, in welcher Vereinigungen und weltliche Bruderschaften wie die Freimaurer oder die Odd Fellows verboten werden sollten. In einer reifen Leistung hat das Schweizer Volk damals mit mehr als zwei Dritteln dagegen gestimmt. Rechts des Rheines wurden Odd Fellows und Freimaurer unter den Nazis dann ja auch tatsächlich verboten.

Pedro Lenz signierte anschliessend sein Buch Liebesgschichte. Es wurde ihm förmlich aus der Hand gerissen. So sehr gingen seine Geschichten den Odd Fellows an diesem zweiten Adventssonntag unter die Haut.