Sie beschäftigt uns alle, die Flüchtlingsproblematik, die zurzeit in Europa für viele politische Diskussionen sorgt. Zu diesem höchst aktuellen Thema und inwiefern die Schweiz davon betroffen ist, referierte Erwin H. Hofer, Alt Botschafter und exzellenter Kenner der Diplomatie, an einem öffentlichen VCU-Anlass im BWZ Brugg. Hofer, der in Brugg aufgewachsen ist, bot den Besuchern des Anlasses, darunter eine Maturaklasse, einen Einblick in seine politischen Erfahrungen sowie einen Ausblick auf künftige Entwicklungen und Lösungsmöglichkeiten der heutigen Flüchtlingssituation.

«Die Schweiz braucht die Migration», stellte Erwin H. Hofer zu Beginn fest. Der HSG-Dozent stand seit 1976 im diplomatischen Dienst der Schweiz und war während den letzten Jahren als Missionschef an Brennpunkten der heutigen Migrationsströme im Einsatz. Er war der letzte akkreditierte Schweizer Botschafter in Libyen, das er nach Ablauf seiner Amtszeit 2014 über die Türkei verliess. Hofer ging bei seinem Referat auf die Ursachen der Flüchtlingsströme, die Fluchtrouten, die Rolle Nordafrikas sowie auf die Lösungsansätze und die Situation in der Schweiz ein. Worin liegen die Hauptursachen der Migration? Welche Verantwortung haben wir als Europäer? Wie kann den Flüchtlingen nachhaltig geholfen werden? Diese Fragen wurden von Hofer thematisiert und später in einer offenen Diskussion weiter besprochen.


Ursachen der Migration

«Migration ist ein globales Phänomen, das es seit Jahrhunderten gibt», meinte Hofer. Es ist noch nicht lange her, als Schweizer im 19. Jahrhundert in die USA und nach Russland migriert sind, weil sie hier keine Arbeit und nicht genügend Nahrungsmittel hatten. Die Ursache für die Auswanderung ist heute ähnlich: Das Bevölkerungswachstum in der Subsahara nimmt rasant zu und wird sich bis 2050 verdoppeln. Dies hat zur Folge, dass die Armut steigt und eine gewaltige Beschäftigungslücke entsteht. Auf 100 in Pension gehende Personen folgen 500 junge Bewohner, was viele junge Männer ohne Zukunftsperspektiven in die Migration zwingt. Entsprechend nehmen viele Junge unvorstellbare Risiken auf sich und fliehen über Libyen nach Europa.


«Wenn der Wohlstand nicht nach Afrika kommt, kommt Afrika zu uns »

Hofer ist der Meinung, dass es zu spät ist, den Flüchtenden erst in Libyen oder gar erst in Europa zu helfen. Aus humanitären Gründen muss man die Flüchtlinge, die in Europa sind, mit Respekt behandeln und ihnen Hilfe anbieten. Um jedoch das Problem langfristig zu bekämpfen, sollte laut Hofer die Hilfe vor Ort intensiviert werden. «Wenn der Wohlstand nicht nach Afrika kommt, kommt Afrika zu uns». Mit dieser Aussage begründet Hofer die Wichtigkeit, Afrika vor Ort zu helfen, damit nicht mehr so viele Jugendliche ihr Land aus Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit verlassen müssen. Indem Europa seine Schengen-Aussengrenzen wieder unter Kontrolle bringt, erhält es gemäss Hofer auch seine Handlungsfreiheit wieder zurück und hat genügend Freiraum für humanitäres Handeln sowie für eine zielgerichtete Unterstützung vor Ort.

Flüchtlingspolitik in Europa

«All refugees welcome» lautete das Credo Angela Merkels Politik im Jahre 2014. Diese Botschaft erreichte innert kürzester Zeit die ganze Welt. Laut Hofer muss eben diese Denkweise geändert werden: «In Afrika herrscht die dominierende Wahrnehmung, dass jeder, der es bis nach Europa schaffe, dort bleiben könne.» Diese weit verbreitete Meinung beschreibt Hofer als häufige Motivation für die Flucht nach Europa. Auch führte der (Fehl-)Entscheid, bei den Eritreern die Militärdienstverweigerung als Asylgrund zu betrachten, zu einer Welle von Flüchtlingen aus diesem Land. Als Erfolgsbeispiele für europäische Staaten, welche mit den Migrationswellen politisch gut umgingen, nennt Hofer Bulgarien und Spanien. Die Verantwortung und der Umgang Europas mit den Flüchtlingen ist ein polarisierendes Thema, welches nach dem Referat für viel Gesprächsstoff sorgte.

Das meinten Besucher dazu

«Wir sind selbst politisch aktiv und fanden das aktuelle Referat deshalb sehr spannend. Es war interessant, eine etwas andere Position zu hören, als wir sie vertreten. Mit den Ursachen und Gründen für die Migration stimmen wir mit Herrn Hofer überein, jedoch sind wir von anderen Lösungsansätzen überzeugt.»    Julian und Joris Widmer, Maturaklasse BWZ

«Das Referat hat mein Bewusstsein für die Komplexität der Migrationsfragen geschärft. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir in der Schweiz diejenigen, die auswandern mussten, nun erleben wir dieses Phänomen von der anderen Seite. Die Hoffnungslosigkeit, die mit dem Verlassen der Heimat und der Familie zusammenhängt, betrifft mich sehr. Ich stimme deshalb mit Herrn Hofer überein, dass für eine langfristige Lösung Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort geleistet werden muss.»                                                Beat Urech, Birmenstorf

«Die Insellösungen Europas mit der Abschottung durch Zäune oder Mauern bekämpfen nicht die wahre Ursache. Das Flüchtlingsproblem muss meiner Meinung nach global gelöst und die Ursachen müssen gezielt bekämpft werden. Ich fand das Referat von Herrn Hofer sehr anregend und hochaktuell.»                                                       Urs Waber, Biberstein

Respekt, Fairness, Verantwortung

Mit Anlässen zu aktuellen Themen fördert die Vereinigung christlicher Unternehmer VCU den Erfahrungs- und Meinungsaustausch unter den Mitgliedern sowie mit Fachleuten und interessierten Gästen. Hauptfokus ist laut VCU-Präsident Louis Dreyer dabei das «Wirtschaften mit Werten». Ziel der Vereinigung ist es, ihren Mitgliedern unternehmerische, gesellschaftliche und ethische Impulse zu vermitteln und ihre Verantwortung im Umgang mit Gesellschaft und der Welt wahrzunehmen. Dies ganz nach dem Motto: «Respekt – Fairness – Verantwortung».