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Konflikte bewältigen

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Am Abend der offenen Tür stellte das Team der Beratungsstelle Sela an der Rathausgasse 2 in Aarau ihre Arbeits- und Denkweise vor. Das gewählte Thema „Konflikte bewältigen“ konfrontierte die Anwesenden mit eigenen Erfahrungen und möglichen Lösungsansätzen. Die aus dem Leben gegriffenen Bilder und Erfahrungen wurden von der recht grossen Zahl der Zuhörenden mit Beifall aufgenommen.

Wir alle haben sie – und keiner will sie, die alltäglichen Konflikte. Silvia Gerber, Pflegefachfrau Psychiatrie mit Ausbildung in Individualpsychologie zeigte auf, wie wir immer wieder in Konflikte laufen, sei dies bei der Arbeit, beim Unterwegssein und auch in Beziehungen oder in der Partnerschaft. Ungeklärte Konflikte blockieren ganze Beziehungen, Familien und sogar Firmen. Für Justiz, Fachstellen, Versicherungen, Psychologen und Berater  werden hohe Summen an Geldern ausgegeben, um Konfliktparteien zu beraten oder Konfliktfolgen zu behandeln. Was macht es so schwierig Konflikte zu lösen?

Oft ist den Beteiligten unklar, was eigentlich abläuft, oder anders gesagt, was ursprünglich konflikthaft ist. Die in der Alltagssprache bekannten Konfliktvermeidungsstrategien, wie „Augen zu und durch“, „etwas anbrennen lassen“, „gute Mine zum bösen Spiel“ etc. werden in der Psychologie in anderer Form auch als Abwehrmechanismen beschrieben. Diese Art Selbstschutz hindert den Blick auf die wirklichen Konfliktauslöser. Das macht eine Klärung schwierig und kompliziert, und beeinträchtigt eine gesunde Konfliktbewältigung. Mit dem Fazit, dass Konflikte vermeiden wollen, oft erst recht komplizierte Konflikte erzeugt, endete das erste Impulsreferat.

Seraina Hintermann, Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin, zeigte anhand von erlebten Situationen auf, wie Konflikte entstehen können: kränkende Äusserungen verletzen, Bedürfnisse werden missachtet und Missverständnis entstehen, weil die Beteiligten einander nicht gut zuhören. Sie berichtete, dass dies zu Verschärfungen führen kann, weil man den Partner plötzlich nicht mehr in seinem Dilemma versteht. Seraina Hintermann ist aus gesundheitlichen Gründen auf den Rollstuhl angewiesen. Gerade ihre eigenen, tiefen Erfahrungen helfen Seraina Hintermann oft in der Arbeit mit Klientinnen und Klienten der Sela. Konflikte werden auf einmal in einem andern Licht gesehen – und diese andere Sichtweise kann die Enge oder Verschlossenheit aufbrechen und im gemeinsamen Lachen neue Wege öffnen.

Wenn Konflikte entstehen, so stellt sich die Frage, ob wir aushandeln oder abhauen wollen. „Es kann auch sein, dass man zu tief im Konflikt steckt und eine Lösung nicht mehr gelingen will. Dann kann es sich lohnen, die Hilfe einer dritten Person in Anspruch zu nehmen. Das ist ein erster Weg in die Metaebene, von wo aus man den besseren Überblick hat“, empfahl Seraina Hintermann. Eine hilfreiche Übung in der Beratung sei ein ABC Gespräch. Die eine Person erhält eine bestimmte Redezeit, in welcher sie ihre Situation schildern kann. In der B Phase wiederholt das Gegenüber was und wie sie die Aussagen verstanden hat. Im C Teil erhält die schildernde Person die Gelegenheit darauf zu reagieren. Ist sie verstanden worden? Gibt es noch Ergänzendes zu sagen? Das Gespräch geht so hin und her, bis sich die Beteiligten verstanden fühlen. Das genaue Zuhören sei sehr, sehr wichtig, betonte Seraina Hintermann, „Und es sei eine Fähigkeit, die wir bewusst in unserem Alltag trainieren können.“ Seraina Hintermann schloss mit einem Zitat von Viktor Frankl ab: „Der Mensch wird erst so richtig zum Menschen, wenn er weg von sich selber schaut und sich investiert in einer Sache, die nicht wieder er selbst ist.“

Pfarrer Theddy Probst, D.Min, Berater und Geschäftsführer der Sela, suchte aufbauend auf Bibelstellen wie „Ist’s möglich, soviel  an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden“ (Brief an die Römer, Kap. 12, Vers 18), Antworten aus christlicher Sicht. Dabei halfen ihm die Aussagen des Konfliktforschers Friedrich Glasl (*1941 in Wien), welcher die Eskalation von Konflikten in neun Stufen einteilt und daraus Vorgehensweisen zu Lösungen ableitet.
Die erste Hauptphase des Entstehens eines Konfliktes wird mit „sachbezogen-kooperativ“ bezeichnet und ist unterteilt in „Verhärtung“, „Debatte“ und „Taten“. Mit einer guten Moderation kann diese Entwicklung gemeistert werden, es kann sogar eine „win – win“ Situation entstehen. Dies geschieht am ehesten dort, wo – im biblischen Sinne – alle Beteiligten sich zuerst dem Splitter im eigenen Auge annehmen.
Die zweite Phase wird nach Glasl als „beziehungsbezogen-kompetitiv“ mit den drei Stufen „Image/Koalition“, „Gesichtsverlust“ und „Drohung“ bezeichnet. Hier wird der Fokus vermehrt auf die Personen, Konfliktpunkte und der Korrektur der Wahrnehmungen gerichtet. Erstarrte Einstellungen sollen dabei flexibilsiert, das „Wenn-dann“ soll durchbrochen werden.

Kann eine Konfliktentwicklung nicht unterbrochen werden, dann entwickelt diese sich nach Glasl in die dritte „gewaltbezogen-destruktive“ Phase mit den Stufen „begrenzte Vernichtung“, „Zersplitterung“ und „gemeinsam in den Abgrund“. Alle Konfliktregulationen haben nun versagt, eine weitere Eskalation und Lösung ist nur noch durch einen Machteingriff zu meistern.

Als Alternative zum „Weg in den gemeinsamen Abgrund“ eröffnet sich der Weg der Versöhnung. Der Weg zur Versöhnung verlangt zuerst, das Gefühl des Verletztseins in sich zuzulassen und auszuhalten, sich dem Leiden zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen. Anschliessend können sich Wege zu neuem Denken und Verhalten öffnen. Glaubensinhalte können helfen, diesen Weg zu fördern:
- Gott hat versprochen für uns zu sorgen. Wir sind „in seinen Händen“.
- Gott können wir vertrauen, was auch immer in unserem Leben geschehen wird.
- Das Leiden erhält von Christus her – der ja selbst gelitten hat – Sinn und Bedeutung. Auch das Leiden enthält Sinn.
- Die Zuwendung und Liebe Gottes gilt auch mir, trotz meiner Fehler und Verfehlungen in einem Konflikt. Das kann zur Vergebung führen.
- Wer seine Rechtsansprüche in die Hände Gottes legt, kann seine Akten schliessen, denn Gott ist nun zuständig. Das gibt Freiraum, man kann zur Freiheit gelangen, Böses mit Gutem zu überwinden.
Mit diesem hoffnungsvollem Ansatz wurden die Anwesenden zum Apéro und später wieder in ihren Alltag entlassen, begleitet vom guten Eindruck dieses „g’freuten“ Abends.

Die Stiftung Sela bietet Seelsorge und Beratung an für Einzelpersonen, Paare und Familien. Die Dienste können von allen Menschen in Anspruch genommen werden, unabhängig von ihrer Religion. Die Sela bietet auch ein interessantes Kursangebot an und geführte Gesprächsgruppen. Die Website www.sela.ch informiert über das Angebot und die Arbeit der Beratungsstelle Sela in Aarau.

Robert Zeller, Möriken

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