An einer öffentlichen Veranstaltung der Odd Fellows Aarau präsentierte Prof. Alois Riklin, ehem. Rektor der Hochschule St. Gallen, zusammen mit dem Schauspieler Simon Engeli das Thema „Von der Ringparabel zum Projekt Weltethos“.

Aktueller hätte das Thema der interreligiösen Toleranz – angesichts der Terroranschläge in Paris -  leider nicht sein können. Die zahlreichen Zuhörer kannten Alois Riklin vielleicht als methodisch geschickten Universitätslehrer, der sich besonders - und der Zeit voraus - auch für das Thema der unternehmensethischen Verantwortung in der Gesellschaft interessierte. Einige kannten ihn als persönlichen Berater von Bundesrat Kurt Furgler seinerzeit oder als hohen Stabsoffizier. Aber nur wenige wussten, dass er auch eine über 50-jährige Freundschaft mit dem Theologen Hans Küng pflegt.

Aus dieser Perspektive beleuchtete Riklin die Ringparabel aus Lessings Theaterstück Nathan der Weise. Lessing bezieht sich auf den Stoff aus Boccaccio und noch älteren Geschichtensammlungen. Darin lässt ein Vater seinen drei gleichgeliebten Söhnen Kopien (oder das Original?) eines Rings vererben, so dass jeder glauben kann, sein Ring sein der echte, der richtige.  Die Parabel steht seither für die interreligiöse Toleranz unter den drei monotheistischen Religionen; jeder Gläubige dürfe annehmen, seine Religion sei die richtige und soll jedem anderen zugestehen, dass auch seine Religion richtig sei. Riklin wies darauf hin, dass diese Toleranz zwar eine Bedingung sei für das Verständnis der Religionen, dass es darüber hinaus aber für ein friedliches Miteinander mehr brauche. Die Freundschaft mit und die Begleitung von Hans Küng zeigte ihm die weiteren Voraussetzungen. Hans Küng, heute leider zu gebrechlich, um selber aufzutreten, war schon früh ein bedeutender Theologe und hatte Gelegenheit, am II. Vatikanischen Konzil mitzuarbeiten. Durch seine der offiziellen Doktrin widersprechenden Ansichten wurde ihm dann aber 1979 die Lehrerlaubnis von Rom entzogen, vor allem auch weil er an der Unfehlbarkeit des Papstes zweifelte. Küng musste eine unabhängige Basis finden und bekam so mehr Raum auch für die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit anderen Religionen, vor allem auch mit der im Westen immer stärker verbreiteten Säkularisierung. Und hier setzte Riklin mit der Ergänzung der interreligiösen Toleranz auf Basis von Lessing an: Zusätzlich brauche es für ein friedliches Nebeneinander auch das ‚Einander verstehen wollen‘. Wichtig sei, dass die verschiedenen Religionen nicht nur ihre gemeinsame Basis und Schnittfläche sähen, sondern auch die spezifischen Unterschiede der einzelnen Religionen, der eigenen und der anderen. Riklin plädierte nicht für Nivellierung, sondern für Differenzierung. Bezüglich der Schilderung von Gewalt in den ihnen jeweils Heiligen Büchern hätten sich die Religionen kaum etwas vorzuwerfen, weil in allen heute zum Teil unverständliche Gewaltszenen vorkämen. Auch zum Thema Gewaltanwendung in der Geschichte hätten die drei monotheistischen Religionen einander kaum etwas vorzuhalten, alle hätten sich immer wieder so verhalten, wie sie sich nicht hätten verhalten sollen. Soweit die methodisch geschickte Vorlesung und die Lesung von Schlüsselszenen in der Literatur durch Simon Engeli, von Lessing, von Küng und von Riklin selber (der als aktiver Katholik in einem Zeitungsartikel erstaunlich offen und kritisch mit der römischen Glaubensmeinung umgeht).

Dann folgte ein wahrer Crash Kurs für die Zuhörer: Riklin entwickelte auch anhand verteilter Unterlagen methodisch gut verständlich die Prinzipien, Dialogvoraussetzungen und Dialogziele von Küngs Projekt Weltethos: Gefordert wurde die Fähigkeit zur Selbstkritik, die permanente Suche nach Wahrhaftigkeit und die Aufgabe des exklusiven Wahrheitsanspruchs, respektvolle Wertschätzung der Anderen und Standfestigkeit in der eigenen Position. Nur so könnten auch die Ziele erreicht werden: Die seit der Aufklärung geltenden Menschenrechte, ergänzt durch Menschenpflichten (wie von Helmut Schmidt 1997 gefordert), die Sicherung der Religionsfreiheit und besonders aktuell der Gewaltlosigkeit. Abschliessend erklärte er noch die Situation der Frauenrechte, und der Solidarität untereinander, nur so könne Frieden nicht nur gestiftet, sondern auch ‚gemacht‘, also gestaltet werden.

Auch auf die brandaktuelle Frage der journalistischen Darstellung von religiösen Inhalten, die in der jeweiligen anderen Religion als Gotteslästerung empfunden werden, ging er ein. Hier vertritt Riklin eine dem allgemeinen Trend entgegengesetzte, markante Position: Zwar seien die abscheulichen Terrorakte in absolut keiner Art zu rechtfertigen oder schönzureden. Es gehe aber trotzdem nicht an, dass religiöse Tabus mit Absicht verletzt würden. Es gehe nicht an, die Presse- und Meinungsfreiheit so weitgehend  zu definieren, dass gegenseitige absichtliche Verletzungen der religiösen Gefühle zugelassen würden. Hier setze zum Glück in der Schweiz auch das Strafrecht Grenzen. Es gehe nicht an, dass zur Auflagensteigerung – zum Beispiel mit Mohammed-Karikaturen - einfach provoziert würde. Ein mutiges Wort zur aktuellen Zeit.

Die Veranstaltung war gut und prominent besucht und ein gutes Omen für die nächste Veranstaltung der Odd Fellows Aarau am Do. 7. Mai 2015 mit Peter Arbenz, der referieren wird über "Grundlegende Ziele und Werte der Schweizer Aussen- und Entwicklungspolitik".

Herbert Ammann, Odd Fellows Aarau, www.oddfellows-aarau.ch