Früherkennung und Frühintervention im beruflichen Alltag

Sie sind Berufsbildnerin und begleiten die Auszubildende Jolanda nun schon fast zwei Jahre. Jolanda ist eine aufgestellte, offene junge Frau. Sie mögen sie sehr gut und das Verhältnis zu ihr ist kollegial. Es ist einfach, Jolanda anzuleiten, denn sie ist sehr am Beruf interessiert und neugierig. Sie stellt viele Fragen und hat keine Mühe, Unterstützung und Anweisungen zu erhalten.

Die meisten Lernenden sind so wie Jolanda. Sie durchlaufen ihre Ausbildungszeit mit alltäg­lichen Freuden und Sorgen, mit Krisenzeiten, in denen Sie sie gut und mit Erfolg begleiten können.

Die Ausbildungszeit von Jolanda könnte jedoch auch einen anderen Verlauf nehmen. So könnte sie, zu Beginn des zweiten Lehrjahrs öfters unkonzentriert sein und ihr Lachen würde zunehmend seltener. Ihnen würde auffallen, dass sie die Pausen meidet, viel beim Telefonie­ren ertappt wird und morgens immer zeitlich knapper ins Geschäft kommt.

In der Regel sind es zuerst Bauchgefühle, die ihnen signalisieren, dass etwas sich verändert, dass es nicht mehr so gut läuft wie in den letzten Monaten. Sie fangen dann an, genauer hinzuschauen und zu beobachten. Sie hören in der Pause, dass Jolanda sich mit ihrem Freud gestritten hat. Aha, es ist wohl der Liebeskummer denken sie und sind vorerst mal beruhigt.

Wochen später, Jolanda hat sich von ihrem Freund getrennt, scheint es der jungen Frau nicht besser zu gehen. Sie machen sich ernsthaft Sorgen und können auch nicht mehr tole­rieren, dass sie sich zurückzieht und kaum ein Lächeln über die Lippen bringt, wenn eine Kundin sie um Rat fragt.

Was machen Sie nun? Sie wissen, dass Sie jetzt ein Gespräch führen sollten. Sie ahnen, dass es nicht einfach sein wird und ihnen ist klar, dass sich dabei die Situation auch ver­schlimmern könnte. Jolanda ist seit Tagen auf Abwehr und gibt sich cool. Sie spürt wohl, dass etwas im Busch ist. Sie sind verunsichert und haben keine Lust, sich lächerlich zu machen.

Im kritischen Augenblick das Richtige tun

Um in kritischen Augenblicken das Richtig zu tun, braucht es Zivilcourage. Man muss sich einen inneren Stoss geben und entscheiden: Ja, ich gehe es an. Kritische Momente sind Ausnahmesituationen. Sie sind in Ihrer professionellen Rolle gefordert, aber auch als der Mensch, als Persönlichkeit.

Es ist selten das handfeste Fehlverhalten, die einem in diesen Momenten zu schaffen machen. Wenn Sie Jolanda nachweisen können, wie oft und wann sie zu spät ins Geschäft gekommen ist, haben sie klare Fakten in der Hand. Es geht aber um mehr. Was immer Sie tun oder lassen, immer schwingt auch die Beziehungsebene mit und die Frage nach dem gegenseitigen Vertrauen stellt sich.

Kann sich Jolanda öffnen? Finden Sie den Draht auch zu ihr, wenn Sie klar als fordernde Chefin oder Chef auftreten müssen? Wie weit dürfen Sie gehen? Was ist, wenn Ihnen die Lernende ihr ganzes Herz ausschüttet und Sie Einblick in Dinge erhalten, die Sie lieber nicht wissen möchten?

Wichtig zu wissen

Als Berufsbilder oder Berufsbildnerin können Sie jene Person sein, von der Ihre Lernenden im Alter ihren Enkelkindern erzählen. Wenn Sie mit Jolanda einen Weg finden, die Lehrzeit erfolgreich abzuschliessen, wird ihr das in Erinnerung bleiben. Sie werden für Jolanda die Person sein, die im richtigen Moment da war und Sicherheit und Orientierung gab. Um diese Rolle einzunehmen, müssen Sie nicht perfekt sein, sondern vor allem echt und offen. Sie dürfen unsicher sein, vielleicht einen Moment zu hart oder einfach klar und wohlwollend, di­rekt, was auch immer…

Eine tragfähige Beziehung wird über längere Zeit entwickelt und die Krise ist der Prüfstein. Ein offenes Klima, indem man sich nicht zu fürchten und schämen braucht, wenn man Schwächen zeigt, wirkt präventiv und ist eine gute Basis, für schwierige Zeiten. Gleichzeitig braucht es einen klaren Rahmen, Vorgaben, Ziele und Abläufe, an denen sich Lernende ori­entieren können.

Den meisten jungen Menschen gelingt es, ihre Lehrzeit recht und schlecht bis gut und sehr gut abzuschliessen. Der Abschluss ist das Ziel, danach liegt es ihn ihrer Hand, sich im Be­rufsfeld zu bewähren und sich weiter zu entwickeln.

Prävention im Lehrbetrieb

Die Suchtprävention Aargau bietet am 27. Mai 2015 ein Seminar für Berufsbildende an. Ziel des Seminars ist, Wissen zu vermitteln, um Jugendliche in Krisen gut begleiten zu können.

Weitere Informationen und die Anmeldung finden Sie unter www.suchtpraevention-aargau.ch