Das Regionale Führungsorgan (RFO) kann für die zivile Führung bei Katastrophen und Notlagen aufgeboten werden. Das will trainiert sein. Darum beübte das RFO Eigenamt letztes Jahr das RFO Muri-Boswil. Nun wurden die Rollen getauscht. In Lupfig sei ein Kleinflugzeug abgestürzt – ausgerechnet auf das Areal des Logistikunternehmens Bertschi, so die brisante Ausgangslage.

„Ruhig, konzentriert und organisiert“, so habe das RFO Eigenamt gearbeitet, fasste Herbert Strebel als Chef des RFO Muri-Boswil am Ende die Eindrücke seiner Delegation zusammen. Vorausgegangen waren vier Stunden hochkonzentrierte Arbeit – auf beiden Seiten. Denn eine so grosse Übung wie diese, die unter dem Titel „Retro“ traktandiert war, beansprucht nicht nur die Beübten, sondern auch die Beüber.

Katastrophen-Szenario

Um 13.30 Uhr traf sich die Delegation des RFO Muri-Boswil beim Feuerwehrmagazin Boswil. Ziel war das Feuerwehrmagazin in Birr, das sich genau neben der Zivilschutzanlage befindet. In aller Ruhe wurde in einem zur Verfügung gestellten Raum das Hauptquartier eingerichtet. Punkt 16 Uhr sollte es losgehen – gegen 20 Uhr war das Ende vorgesehen. Vorausgegangen waren dieser Übung monatelange akribische Vorbereitungen, für die vor allem RFO-Stabschef Peter Käppeli und Philipp Kaufmann als Vertreter des Zivilschutzes verantwortlich zeichneten.

Käppeli und Kaufmann hatten vor Ort rekognosziert und auf der Basis ihrer minutiösen Recherchen eine ausgeklügelte Meldungskaskade erdacht, die wie folgt begann: „Kurz nach Mittag ist eine auf dem Flugfeld Birrfeld gestartete Cessna-Maschine auf der Höhe der Bahnlinie bei der Verladestation der Firma Bertschi abgestürzt. Es muss mit mehreren Verletzten, eventuell Toten gerechnet werden. Die Gebäude rund um den Absturzort sowie die Bahngeleise sind weitgehend zerstört. Einige Zisternenwagen der Firma Bertschi stehen in Brand, andere sind ausgelaufen. Es besteht die Gefahr von unsichtbaren chemischen Dämpfen. Die Lenzburgerstrasse ist für den Verkehr nicht mehr passierbar. Das Gebiet ist weiträumig abgesperrt.“

Nicht nur kritisieren

Der eine Teil der Delegation des RFO Muri-Boswil trieb diese ausgedachte Katastrophe fortan unter der Leitung von Peter Käppeli voran, indem die von ihm und Kaufmann vorbereiteten Meldungen in wechselnder Kadenz an das RFO Eigenamt übermittelt wurden. Der andere Teil der Delegation kontrollierte, wie die Beübten auf diese Meldungen reagierten.

Herbert Strebel hatte seiner Delegation zuvor aufgetragen, sich nicht nur auf das Negative zu konzentrieren. Das könne leicht passieren, sei aber nicht der Sinn der Sache. Er wolle das bewusst aufbrechen und verlange darum, auch das Gute im Auge zu behalten. Konkret möchte er für jeden Minuspunkt auch etwas Positives hören: auf jeder Seite der Waagschale fünf Punkte, das sei fair und konstruktiv.

Es kann schnell teuer werden

So zeigte sich Strebel bei der Schlussbesprechung denn auch beeindruckt von der Arbeitsweise des RFO und der IT-Vernetzung des RFO Eigenamt. Weiter sei die Journalführung positiv aufgefallen – die Triage der Meldungen und die entsprechenden Rückmeldungen ebenfalls. Schliesslich lobte Strebel auch die Visualisierung und die Führung des RFO Eigenamt.

Noch nicht optimal sei dagegen die Startphase verlaufen – „aber das kennen wir selber auch“, sagte Strebel, „wir brauchen leider auch immer einen Tick zu lange, bis wir hochgefahren sind.“ Weiter solle sich das RFO Eigenamt fragen, ob in einem Ernstfall wirklich nur mit Sofortmassnahmen operiert werden könne; er empfehle eine differenziertere Priorisierung. Ausserdem sei es sinnvoll, eine saubere Zeitachse zu führen und eine funktionierende Führungsunterstützung sicherzustellen. Schliesslich plädierte Strebel dafür, in einem Ernstfall auch die Kosten immer im Auge zu behalten. Diese seien während der ganzen Übung nie ein Thema gewesen; das könne schnell teuer werden.

„Bereit für den Ernstfall“

Er denke, von den vergangenen vier Stunden hätten beide Seiten profitiert, sagte Strebel. Das RFO Muri-Boswil nehme diverse Ideen und Anregungen mit zurück ins Freiamt, denn so eine Übung sei immer auch eine Chance, um über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Er danke allen Beteiligten auf beiden Seiten für ihren grossen Einsatz – vor allem auch Peter Käppeli und Philipp Kaufmann, welche diese Übung durch ihre minutiöse Vorbereitung überhaupt erst möglich gemacht hätten. „Natürlich habt Ihr die Übung bestanden“, bilanzierte Strebel, „ich denke, Ihr seid bereit für den Ernstfall.“

Simon Christen