Freienwil

«Ich bleibe der Mann ohne Handy»

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Freienwil wird um einen Farbtupfer ärmer: Nach 14 Jahren geht Felice Vögele in die Pension. Ein emotionaler Abschied.

Gelbe Hose, blaues Jackett: Felice Vögele erwies der Gemeinde am 14. Juni in der Mehrzweckhalle zum Abschied seine Ehre in den Freienwiler Farben. Wohl kaum ein Gemeindeangestellter hatte sich mit Blau und Gelb derart identifiziert wie Felix, genannt Felice Vögele: «Die Farben haben mich durch meine Tätigkeit getragen.» Für sich selbst hat er den Freienwiler Slogan «Wohnen und Erholen» in «Arbeiten und Erholen» umformuliert: «Ich habe mich hier in den vergangenen 14 Jahren immer sehr wohl gefühlt.» 

Gewohnt hat Vögele allerdings nie in Freienwil. Zwar hatte er anfänglich mit einem Umzug nach Freienwil geliebäugelt. Aber dann hat er mit seiner Frau Margrit die Idee zerschlagen. Sie fanden doch, etwas Distanz zum Dorf und dem Arbeitsplatz tue gut. Und so stand tagtäglich seit Mai 2003 sein blaues Audi-Cabriolet mit der gelben Plastikrose auf der Armatur auf dem kleinen Gemeindeparkplatz vor der Kapelle und man wusste: In der Kanzlei läufts.

Zuerst verantwortlich für die Finanzen

Als Vögele vor 14 Jahren seinen Job – damals als Leiter Finanzen – antrat, hatte Freienwil gut 800 Einwohnerinnen und Einwohner. Auf der Kanzlei arbeitete er mit Gemeindeschreiber Peter Fus und dem Lernenden Fabian Schmid zusammen. Schon im ersten Jahr stieg der Gemeindeschreiber jedoch überraschend aus, und Vögele wurde zum Nachfolger bestimmt.

Mittlerweile hat das Dorf 1050 Einwohner, ist um mehr als einen Viertel gewachsen – «und es arbeiten lauter Frauen im info center», sagt er und lacht. 280 Stellenprozente, verteilt auf vier Frauen, dazu zwei Lehrtöchter sind auf der Gemeinde angestellt. Seine Nachfolgerin Margrit Jaggi hat am 1. Mai angefangen und konnte noch einen Monat lang von Vögeles enormem Erfahrungsschatz und seinem Beziehungsnetz profitieren. «Ich werde auch künftig da sein, wenn Fragen auftauchen. Aber ich möchte mich nicht aufdrängen», sagt er bescheiden. Schliesslich wird er im August bereits 67 – Zeit, auf sich selber zu schauen.

Ein Meilenstein: 100 Hochstamm-Obstbäume fürs Dorf

Mit Freienwil wird Felice Vögele natürlich trotzdem verbunden bleiben. Meilensteine gab es in 14 Jahren viele. Etwa die grosse Pflanzaktion vor zehn Jahren, dank der es Freienwil erstmals in die Schweizer Tagesschau schaffte: Knapp 100 Hochstamm-Obstbäume wurden unter der Regie von Vizeammann Martin Burger in der Gemeinde gepflanzt. Vögele schickte drei Tage vor der Aktion die Projektdokumentation dem Schweizer Fernsehen – «einen Tag später rief mich die Tagesschau-Redaktion an», erinnert sich Vögele. Schon damals half das ganze Dorf mit. Auch bei den Dreharbeiten zur TV-Serie «Der Bestatter» im Sommer 2015 war die Bevölkerung voller Elan dabei.

Dieser Spirit im Dorf hat es Vögele besonders angetan: «Die Neuzuzüger werden hier aufgenommen und willkommen geheissen.» Bestes Beispiel sei das Badenfahrt-Projekt «Bergbahn Freienwil», bei dem Initiative nicht von den üblichen «Vereinsmeiern» (er meint das positiv) ausging, sondern von einer Gruppe Zugezogener: «Aber alle stehen dahinter, nur das zählt!» Als offener Mensch half Vögele auch immer, wenn eine Idee da war. «Ich habe nie etwas verhindert», sagt er energisch. Jüngstes Beispiel ist die Gründung des Vereins Kreativer Kindertanz: Den Initiantinnen ermöglichte er vor zwei Jahren unbürokratisch und schnell die regelmässige Nutzung in der Mehrzweckhalle.

Schwierige Situation mit Baustelle

Während seiner ganzen Amtszeit begleitete er auch das Projekt «Ortsdurchfahrt Freienwil», welches 2015 schliesslich abgeschlossen werden konnte. Allerdings ist mit der Baustelle an der Kantonsstrasse auch ein trüberes Kapitel verbunden. Am ersten Bautag wurde ein Kindergartenkind fast überfahren, als es auf die Strasse treten wollte. Dass viele Eltern daraufhin beunruhigt waren und auf mehr Sicherheit drängten, verstand er: «Es war eine schwierige Situation. Aber es war ja für alle Betroffenen neu. Für die Bauarbeiter, die Autofahrer und die Fussgänger.» Schliesslich konnte mit dem Kanton eine Lösung gefunden werden, die Baustelle wurde besser gesichert.

Neues Vorstandsmitglied im Verein Philosophe Dielsdorf

Doch genug zurückgeblickt. Felice Vögele freut sich auf die Pension. Wird er nun etwa anfangen, Golf zu spielen? «Nein, eher nicht», kommt es wie aus der Kanone geschossen. Oder will er doch endlich ein Handy anschaffen, wie es ihm seine Margrit schon lange ans Herz legt, wenn er wieder einmal alleine zum Wandern loszieht? «Ich bin der Mann ohne Handy, und das bleibt auch so. Es geht auch ohne», erklärt er dezidiert.

Langweilig, man ahnt es, wird Vögele jedoch auch ohne die Erwerbsarbeit nicht. So will er nun noch mehr kulturell und sozial tätig sein. Er hat kürzlich bereits ein neues Amt übernommen als Vorstandsmitglied beim Verein Philosophe in Dielsdorf. Diese private Kulturinitiative will eine Plattform für Kleinkunst, Film und Denkanstösse bieten. Kultur war ihm schon immer ein grosses Anliegen, auch an seinem Wohnort, wo er jahrelang das Festival der Stille organisierte.

Weiter sozial und kulturell engagiert

Zudem bleibt Felice Vögele Präsident der Kirchenpflege Kaiserstuhl-Fisibach, und damit verbunden ist auch das Amt als Vorsteher der Stiftung Kirche St. Katharina Kaiserstuhl. Seit kurzem ist Vögele Präsident der Maia-Stiftung Haus Goldenbühl in Wislikofen. Und natürlich bereitet er auch ein Projekt in Freienwil vor, denn «das Dorf und seine Menschen sind mir zu sehr ans Herz gewachsen, um nun einfach davonzulaufen».  

Um Freienwil mache er sich aber keine Sorgen, so Vögele. Nachfolgerin Margrit Jaggi hat sich schnell in die Gemeinderats-Geschäfte eingearbeitet. Mit dem Umbau des Weissen Windes, der Neugestaltung Mitte und dem Dorfladen seien zudem einige Projekte auf gutem Weg: «Ich hoffe, dass das alles bis Ende Jahr unter Dach und Fach ist.»

Am 31. Mai hatte Felice Vögele seinen letzten Arbeitstag. Die Freienwilerinnen und Freienwiler zollten ihm an der Gmeind in der Mehrzweckhalle mit Standing ovations Respekt. 

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