Lenzburg

Helmut Hubacher referierte

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Vor einem voll besetzten Saal referierte in Lenzburger Kosthaus der Altmeister der Schweizer Politik, der heute 89-jährige Helmut Hubacher über die Frage, was Sozialdemokratie zur heutigen Erfolgsgeschichte der Schweiz beigetragen hat und was heute besser wäre, wenn man damals die Vorschläge der SPS nicht alle samt und sonders abgelehnt hätte. Befragt von Martin Killias, der einen guten Teil seiner eigenen politischen Jugend unter dem SPS-Präsidenten Hubacher erlebt hatte, schöpfte dieser aus dem Fundus von rund sechzig Jahren politischer Tätigkeit.

Von besonderer Aktualität war, was Hubacher im Zusammenhang mit der Bankeninitiative vorzutragen hatte. Nach einem Riesenskandal bei der damaligen Kreditanstalt 1977 gestartet, forderte diese Vorkehren gegen den Missbrauch des Bankgeheimnisses für kriminelle Machenschaften. Jahrelang wurde die Abstimmung verzögert, 1984 wurde sie schliesslich mit 73% Nein-Stimmen nach einer millionenschweren Kampagne der Banken abgelehnt. Was wie ein grosser Sieg der Banken aussieht, war in Wirklichkeit ein gigantisches Eigengoal, wenn man sich vorstellt, was heute die Schweiz und ihre Banken zugestehen müssen, weil man Missbräuchen nicht rechtzeitig den Riegel geschoben hat.

Andere Beispiele berichtete Hubacher aus seiner langjährigen Beschäftigung mit Militärfragen. Oft wurden für Milliarden kriegsuntaugliche Panzer beschafft, oder eingekaufte Rüstungsgüter waren massiv überteuert, weil allzu viele bürgerliche Politiker dafür sorgten, dass ihre Klientel aus der Wirtschaft daran tüchtig mitverdiente. Persönlich schmerzte ihn, dass Fragen und Kritik damals sofort als Landesverrat gebrandmarkt wurden – von denen, die keine Fragen hören mochten, weil es ihnen ums Geschäft ging.

Aus seinem lückenlosen Gedächtnis berichtete Hubacher auch Eindrückliches über die europäische Politik. Willy Brandt, Olof Palme, Bruno Kreisky, Harold Wilson und viele andere hat er an unzähligen Zusammenkünften im kleinen Kreis getroffen, und dabei auch sehr Menschliches und Amüsantes erlebt. So etwa wenn Mitterrand Helmuth Schmitt ostentativ nicht grüsste, oder Herbert Wehner und Brandt nach Jahren eisernen Schweigens erstmals wieder gemeinsam an einem Tisch sassen, als sie sich zu Hubacher setzten. Amüsant auch seine Schilderungen zu Figuren wie Walther Bringolf, der ein halbes Jahrhundert lang im Parlament sass und an SPS-Parteitagen als Parteipräsident nur genehmen Genossen zu Wort kommen liess. Hubacher erlebte auch, wie manche Dinge sich am Ende doch zum Guten wandten – etwa bei der Wahl Hanspeter Tschudis, der nach seiner Einschätzung wohl viel erfolgreicher wirkte als der ihm unterlegene Bringolf es je vermocht hätte, oder beim unterschätzten Otto Stich, der sich als erstaunliche Kraftwurzel entpuppte. Das Publikum war hingerissen von diesen lebendigen, anekdotenreichen Schilderungen – von einem bescheidenen Mann, der zu seiner Herkunft und seinen nicht einfachen Anfängen offen stand, und der seine eigene Tätigkeit durchaus nicht glorifiziert, sondern kritisch hinterfragt. Es war eine Sternstunde der Schweizer Politik, die jeder Fernsehstation alle Ehre gemacht hätte.

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