Obermuhen (Muhen)

Hauptsache, die Fassade stimmt

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Hauptsache, die Fassade stimmt

Hauptsache, die Fassade stimmt

Mit diesem Thema lockte das Vorbereitungsteam des Frauenmorgens der reformierten Kirchgemeinde Muhen eine grosse Schar von Interessierten aller Altersgruppen in den Kirchensaal. Als Referentin hatte man Frau Marianne Hirzel gewonnen, sie war lange Jahre als Sekretärin tätig und arbeitet heute als Referentin, nebenbei amtet sie als Seniorenhelferin in einer Primarschule, wo sie vor allem Geschichten erzählt. Nach einem Grusswort durch Corinna Häfliger sang die vierte Primarschulklasse von Barbara und Jürg Volkart ein englisches, ein französisches und ein Mundart-Lied, um danach als Zugabe noch einen Rap zum besten zu geben.

Temperamentvoll begann danach Frau Hirzel ihren Vortrag mit der Geschichte einer grauen, depressiven Katze, die so gerne etwas Besonderes, Buntes sein will und deshalb, nachdem all ihr Können nichts nützt, um Anerkennung zu gewinnen, ihre Fassade ändert, kurz, etwas vorspielt, was sie eigentlich gar nicht ist. Durch den Aufbau einer schillernden Fassade wird diese Katze für kurze Zeit glücklich und anerkannt, aber wie nicht anders zu erwarten, kommt der Moment, wo jemand trotz aller aufgebauter Mauern hinter die Fassade schaut und all das mühsam aufgebaute Image zusammenbricht. Die Geschichte der grauen Katze geht glücklich aus, sie findet jemanden, der sie auch ohne arrangierte Besonderheiten annimmt und liebt, wie sie ist, man nennt diesen „Fassaden-Bau" nicht umsonst das Graue-Kater-Syndrom.

Wie kommen wir überhaupt dazu, Fassaden vor unserem eigenen Wesen zu errichten, dafür zu sorgen, dass niemand sieht, wie es wirklich in uns aussieht? Das fängt in der Kindheit an, wo einem von anderen erzählt wird, welche Marken „man" trägt, später sieht man in der Werbung, welche Frisuren, Kleider und Wohnungen „in" sind, auch Freundschaften und Beziehungen zwingen Verhalten auf, die man eigentlich nicht möchte. Nicht zuletzt Frauen wird früh gezeigt, wie „man" sich als Mädchen/Frau zu verhalten hat. Aus der Angst, gängigen Vorstellungen nicht zu genügen, Unsicherheit und mangelndem Selbstwertgefühl erhält man die Fassade aufrecht, dass alles so ist, wie es nach gängigen Normen zu sein hat. Wenn es ganz krass wird, lebt man zwischen Schein und Sein, die Grenzen verwischen sich.

Es gibt ganz unterschiedliche Fassaden, welche die Referentin an Beispielen anschaulich verdeutlichte. Die Fassade der Ueberverantwortung, wo alles immer kontrolliert werden muss, die der ständigen Fröhlichkeit oder - ganz das Gegenteil - jemand, der immer „cool" ist. Durch Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühlen wird manchmal eine Fassade der Arroganz vorgespielt oder der Perfektion. Andere wiederum passen sich extrem an, um das eigene Ich zu verstecken.

Auf Dauer ist das sehr anstrengend und kann in Depressionen münden. Manchmal bröckelt die Fassade nach und nach weg, oder man will selber ausbrechen. Das grosse Glück ist es dann, jemanden zu finden, der einen annimmt, wie man ist. Jemanden, dem man nichts vorspielen muss, bei dem man ganz sich selber sein darf. So, wie der Kater in der Geschichte eingangs seine Katzendame gefunden hat, die ihn liebt, obwohl sie hinter seine Fassade geschaut hat.

Vor Gott kann jeder echt und ehrlich sein, er weiss sowieso alles von uns und liebt uns trotzdem. Er nimmt uns an, wie wir sind, bei ihm ist keine Fassade nötig. Er gibt uns auch die Kraft, Menschen loszulassen, die uns hinter eine Fassade zwingen.

Leben ohne Fassade bedeutet, zu uns und unserer Geschichte zu stehen, auch zu unseren Fehlern, und um Vergebung bitten können für unsere Fehler, niemandem mehr etwas vormachen zu müssen.

Nach dem Segen durch Pfarrer Günther Franz war dieser interessante Vormittag viel zu schnell zu Ende

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