Unsere Gesellschaft befindet sich in stetigem Wandel. So im spezifischen auch der Mensch und sein Altern. Noch nie ist die Gruppe der über 90-jährigen so stark angestiegen wie zum jetzigen Zeitpunkt. Doch was bedeutet es für unser Hirn, dass das frühere Sechzig zum heutigen Achtzig geworden ist?

Prof. Dr. med. Norbert Herschkowitz, em. Ordinarius für Pädiatrie an der Universität Bern, erörterte das Thema „älter werden – alt sein“, vergangenen Montag in seinem Vortrag „Graue Haare – kluger Kopf, warum das Gehirn im Alter besser wird“.

Organisiert wurde die sehr gut besuchte Veranstaltung im Bullingerhaus in Aarau von Forära, Forum der Älteren – Region Aarau (mehr Infos unter www.foraera.ch) .

Das Hirn ist das dynamischste Organ des Menschen. Es verändert sich laufend, was Plastizität genannt wird. Und eben diese Plastizität kommt dem Hirn im Alter zugute. Sie nimmt im Laufe der verschiedenen Lebensphasen von Geburt bis Tod zwar ab, doch durch sie ist das Hirn lebenslang fähig neue Verknüpfungen einzugehen und zu kompensieren, was an Leistung abnimmt im Alter.

Doch welche Leistungen nehmen im Alter ab? Unsere Reaktionsgeschwindigkeit wird geringer. Auch unser Kurzzeitgedächtnis ist weniger leistungsfähig und die Sinnesleistungen werden weniger. Dass wir langsamer werden, ist aber durchaus nicht nur negativ. Wir nehmen uns dadurch mehr Zeit für das Leben und die Menschen in unserem Umfeld. Hinzu kommt, dass diese Leistungen nicht bei jedem Menschen gleich stark zurückgehen. Jeder Mensch altert individuell. Unsere Gene und die Umwelt sind die entscheidendsten Faktoren, die unser Hirn beeinflussen und machen damit jeden Menschen und sein Altern einmalig.

Gewisse Hirnleistungen nehmen im Alter sogar zu. Wir haben mehr Menschenkenntnisse, können Impulse besser kontrollieren und unser abwägendes Urteilen ist ausgeprägter. Zudem kann der Mensch das Gehirn im Alter gezielt trainieren. Denn die Zahl der Nervenzellen nimmt im Wesentlichen nicht ab. Somit kann sich die Hirnstruktur auch im Alter effizient und schnell an neue Herausforderungen und Veränderungen in der Umwelt adaptieren.

Körperliche und geistige Aktivität sind wichtig, damit das Hirn nicht ‚schläfrig’ wird. Regelmässiges Bewegen wie Laufen, Gymnastik etc. fördert unser Gleichgewicht, die Kraft und die Koordination, was wiederum die Gefahr von Stürzen reduziert.

Geistig fit bleibt das Gehirn, wenn wir offen für Neues bleiben, eine Sprache oder ein Instrument lernen und dies mit Freude tun. Denn Wissen und Fühlen integrieren sich mit zunehmendem Alter mehr, was unsere Motivation beeinflusst.

Unser Arbeitsgedächtnis, welches eines der wichtigsten Gedächtnisse ist, nimmt im Alter am frühesten ab. Es kann aber mit Übungen wie Kopfrechnen, Konversation, Zeitung lesen und sich dadurch auf dem Laufenden halten, Konversation mit Mitmenschen, wie auch kochen, im alltäglichen Leben trainiert werden.

Alter und Leistungsfähigkeit – das ist kein Widerspruch. Das menschliche Gehirn reagiert auf Anforderungen flexibel, in jeder Lebensphase. Es liegt jedoch bei uns selbst ob wir im Alter geistig wach bleiben wollen uns also auch neue Herausforderungen suchen.

Für Interessiert ist das Buch Graue Haare – kluger Kopf, warum das Gehirn im Alter immer besser wird, geschrieben von Norbert Herschkowitz und Elinore Chapman Herschkowitz, über den Verlag Herder und in Buchhandlungen erhältlich.

Text: Solange Reimann