Zwei Jahre, nachdem am 125-Jahr-Jubiläum ein Ahorn für das Apéro-Zelt «geopfert» wurde, leistete der Freienwiler Schützenverein Wiedergutmachung.

Es ist noch düster und neblig, als sich am frühen Samstagmorgen rund 20 Schaulustige und Mitglieder des Schützenvereins auf dem Parkplatz Cholhufe versammeln. Darunter zahlreiche Mitglieder des Turnvereins, die extra ihre Papiersammlung im Dorf unten unterbrachen, um einem feierlichen Akt beizuwohnen: Eine Sommerlinde wurde gepflanzt. Was simpel tönt, ist von grösserer Tragweite. Die Linde ist nämlich der Ersatz für den Spitzahorn-Baum, welcher im Oktober 2016 auf dem Parkplatz der Mehrzweckhalle im Dorf unten gefällt werden musste, damit das Apéro-Zelt für das Jubiläumsfest des Freien Schiessvereins Freienwil (FSV) Platz hatte. Schliesslich kam kein Geringerer als Bundesrat Ueli Maurer ins kleinste Dorf des Bezirks Baden, um dem FSV zum 125. Geburtstag zu gratulieren. Dass der Baum weichen musste, kam nicht überall gut an.

Nicht der Gemeindeammann gab den «Schiessbefehl»

Wie genau diese verhängnisvolle Aktion damals vonstattenging und wer den «Schiessbefehl» gab, wurde nie wirklich bekannt. Doch nun verrät Schützen-Präsident Werner Suter, es sei ihm wichtig, dass nicht Gemeindeammann Robert Müller als Schuldiger dastehe, denn: «Ich war derjenige, der das Zelt näher zur Turnhalle aufrichten lassen wollte. Allerdings war mir nicht bewusst, dass es auf einem derart hohen Podest stehen würde. Das Zelt wäre dadurch viel zu weit in die Baumkronen geragt – und darum musste der Baum weg.» 

Ein Schildbürger-Streich?

Zwei Jahre später hat der FSV seinen «Faux-pas» nun wieder gut gemacht. Doch warum wurde der Ersatzbaum nicht dort gepflanzt, wo das Original einst stand? Sind die Freienwiler Schützen etwa Schildbürger, die nicht mehr wissen, wo sie einst das alte Gehölz «aus dem Weg geräumt» hatten? «Anwohner, Besucher und Benutzer der Sporthalle, die auf dem Parkplatz parkieren mussten, sind froh, dass an jener Stelle kein Baum mehr steht», ist Werner Suter überzeugt. Und ein Einwohner ergänzt, dass es auch mit Entsorgungsfahrzeugen oder Lastwagen immer schwierig gewesen sei, an dem Baum vorbei zu manövrieren, wenn man vom Weiherdörfli her in die Schulstrasse einbiegen wollte. Der Stamm wies denn auch trotz Schutzgitter zahlreiche Beschädigungen auf.

Deshalb stand bereits am Tag nach dem Jubiläum fest, dass der Ersatzbaum nicht mehr an gleicher Stelle gepflanzt werde – dafür auf dem Land von Bauer Toni Burger im Gebiet Cholhufe. «Linden werden immer an prominenter Lage gesetzt», erklärte Gemeindeammann Robert Müller in seiner Ansprache. Vom Waldrand aus hat man einen wunderbaren Blick über Surb- und Wehntal sowie Lägeren. «Der Cholhufe ist ein Kraftort und der perfekte Standort für die Sommerlinde, die ein würdiger Ersatz für den gefällten Ahorn ist. Von hier wird sie Hunderte von Jahren über unser Dorf strahlen, für zahlreiche Generationen», hofft Müller, der auch Spannendes über diesen Baum zu erzählen wusste. So bestehe die Linde aus «Lignum sanctum» (heiligem Holz), sie kann über 1000 Jahre alt und bis zu 40 Meter hoch werden. Das berühmteste Exemplar steht in Linn, mit einem Umfang von gut zehn Metern.  

Bundesrat Ueli Maurer war verhindert

Nur einer fehlte am Samstag: Bundesrat Ueli Maurer, der am Jubiläum 2016 eine Rückkehr nach Freienwil als «Götti» für den Setzling in Erwägung gezogen hatte. Der Magistrat aus dem Zürcher Oberland konnte am Samstag wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht dabei sein.  

Mit dem Einpflanzen ist das Kapitel für die Beteiligten nun jedoch abgeschlossen. Was passiert sei, könne passieren, «die Welt ist nicht perfekt», schloss Müller und wünschte Toni Burger viel Freude mit seinem neuen Baum. Derweil sinnierte Schützen-Präsident Werner Suter: «Wer weiss, vielleicht wird ja das 150-Jahr-Jubiläum um die Linde herum gefeiert…» Bis 2041 ist vielleicht Gras über die Sache gewachsen – oder die Sommerlinde ist Teil der jüngsten Legende Freienwils geworden.