Wohlen (AG)

Die Glücksschule lehrt, wie wir unser Potenzial entfalten

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"Es gibt einen Unterschied zwischen glücklichen Kindern und Kindern, die gut darin sind, die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen." Armin Fähndrich

Verbundenheit - mit sich und der Natur

"Es gibt einen Unterschied zwischen glücklichen Kindern und Kindern, die gut darin sind, die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen." Armin Fähndrich

Die Glücksschule ist eine schweizweite Bewegung, die sich für ein Umdenken im Bildungssystem stark macht. Potenzialentfaltung, Lust am Lernen sowie glücklichere Kinder und Erwachsene sind die Vision. Mehr als 200 Leute kamen am Donnerstag, 16. Mai 2019, in den Chappelehof in Wohlen, um mehr über die “Glücksschule” zu erfahren.

Die beiden Referenten und Gründer der Glücksschule, Daniel Hess und Armin Fähndrich, teilten ihre Erkenntnisse und Erfahrungen als Lehrer und vierfache Väter. Daneben stellten sie auch viele Fragen und brachten das Publikum zum Nachdenken: Wie können wir unser Potenzial am besten entfalten? Wie kann Lernen Freude machen? Wie führen wir ein glückliches, erfülltes Leben?

Potenzial, das ist wie ein Samenkorn, das in jedem und jeder von uns steckt und das zum Wachsen die richtigen Voraussetzungen braucht. Jedes Kind hat Freude am Lernen, nie wieder lernt ein Kind so viel wie in seinen ersten Lebensjahren und nie wieder stellt es so viele Fragen wie im Vorschulalter. Warum vergeht vielen Kindern in der Schule die Lust am Lernen?

In unserer schnelllebigen Welt, in der das Wissen von gestern morgen schon wieder veraltet sein wird, ist lebenslanges Lernen unabdingbar. Daher dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Kinder die Schule lernmüde verlassen. Erziehung und Schule sollten den Kindern vermitteln, dass  Lernen Spass machen soll und Voraussetzung ist für ein erfülltes Leben.

Daniel und Armin erklären die Faktoren, die Potenzialentfaltung verhindern, anhand eines Bildes von einer Schachtel mit vier Seitenwänden. Jede Wand steht für eine Begrenzung. Da wäre zum Beispiel die Angst vor Fehlern, vor einer schlechten Bewertung und den möglichen Folgen davon, also einer Belastung der Beziehung zwischen Kind, Eltern und Lehrperson. 

Eine zweite Wand, die einschränkt, ist unsere erlernte Opferhaltung und die Gewohnheit des Funktionierens. Diese erkennen wir daran, dass wir von “lernen müssen” sprechen und nicht von “lernen dürfen”. Immer dann, wenn andere uns vorgeben, was wir tun oder lernen müssen und wir nicht selbst in der Verantwortung sind, dann ist diese Wand im Weg. 

Die dritte Wand steht für Ersatzbedürfnisse: Wenn ein Kind an der Ladenkasse quengelt und eine Süssigkeit will, zeigt es ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Auch wir Erwachsenen haben das Bedürfnis nach materiellen Dingen, Status, Anerkennung obwohl diese oft nicht unseren wirklichen, ureigenen Bedürfnisse entsprechen, welche uns langfristig glücklich machen würden.

Die vierte begrenzende Wand sind unsere inneren Kritiker und einschränkenden Überzeugungen, die wir selbst als Kinder gelernt haben und leider oft unreflektiert weitergeben: “Ich bin nicht begabt für dieses Fach.”, “Ich werde das nie schaffen.” Daniel erzählt, gar nie Französisch gelernt zu haben, sei weniger schlimm, als die Überzeugung, Französisch nicht lernen zu können, die viele in der Schule irgendwann verinnerlichen. Im ersten Fall könne man die französische Sprache lernen, im zweiten Fall baut sich in unserem Hirn eine Blockade auf, die uns etwas glauben macht, was vielleicht gar nicht stimmt. Solche hemmenden Glaubenssätze sollten wir viel häufiger hinterfragen.

Zuletzt kommt der Deckel auf die Schachtel und engt unser Potenzial noch weiter ein. Dieser Deckel besteht aus Kontrolle, Macht, Manipulation und Druck. Darunter fallen zum Beispiel Vergleiche und Bewertungen in Form von Noten sowie starre Lernziele, die nicht mit unseren eigenen Zielen übereinstimmen. 

Wie können wir nun aus dieser Schachtel ausbrechen, um die Freude am Lernen wieder zu entdecken und um unser Potenzial zu entfalten?

Eine Voraussetzung sind tragfähige Beziehungen, und ganz am Anfang steht die Beziehung zu uns selbst: Selbstliebe, also uns selbst anzunehmen mit all unseren Stärken und Schwächen, angenehmen und unangenehmen Gefühlen. Wenn das gelingt, dann sind wir auch in der Lage, stabile Beziehungen zu anderen aufzubauen, was wiederum eine wichtige Voraussetzung fürs Lernen ist.

Oft haben Kinder Eigenschaften, die in der Schule zunächst als störend empfunden werden, wie zum Beispiel ein erhöhtes Geltungsbedürfnis oder fehlende Ernsthaftigkeit. Es könnte aber sein, dass sich vermeintlich negative Eigenschaften als sehr nützliche Talente erweisen, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt werden. So könnte aus dem Mädchen, das gern im Vordergrund steht, mal eine emphatische Führungskraft werden und der Humor des albernen Jungen könnte für seine Mitmenschen eine Bereicherung werden. Jede und jeder hat verborgenes Potenzial und die Welt braucht jede und jeden einzelnen von uns.

Wie erkennen wir unser Potenzial? Wir müssen herausfinden, was unsere ureigenen Bedürfnisse sind, was uns persönlich im Leben wirklich wichtig ist. Und diese Ziele sollten wir verfolgen, möglichst unabhängig von den kritischen Stimmen, die uns sagen, dass sich damit kein Geld verdienen lässt, dass das viel zu unsicher ist. Voraussetzung für Potenzialentfaltung ist auch, immer wieder die eigene Komfortzone zu verlassen. Dafür müssen wir mutig sein, dürfen uns aber gleichzeitig verletzlich zeigen, dürfen auch mal zugeben, wenn wir nicht weiter wissen. 

Daniel und Armin bereichern ihren Vortrag mit ihrer humorvollen Art und mit sehr persönlichen Erfahrungen mit den eigenen Kindern und Eltern. Nach zwei Stunden verabschieden sie das nachdenkliche aber inspirierte Publikum mit weiteren Fragen zur Selbstreflexion: Vertraue ich auf das Entwicklungspotenzial in jedem Menschen und vor allem in unseren Kindern? Was verändere ich konkret nach dem heutigen Abend?

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