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Das neue Erwachsenenschutzrecht

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Ruht Lerchner, Brigitta Bhend-Küng und Samuel Vögeli beantworten Fragen

Diskussion:

Ruht Lerchner, Brigitta Bhend-Küng und Samuel Vögeli beantworten Fragen

Die 98 jährige Frau F. oder das Versprechen der Tochter, ihre Mutter bis zum Tode zu Hause zu pflegen.

Das neue Erwachsenenschutzrecht wurde an einer Vortragsveranstaltung des FORÄRA, Forum der Älteren – Region Aarau, vorgestellt und diskutiert.

Was bringt das neue Erwachsenenschutzrecht dem älteren Menschen? Wie kann er sein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben geltend machen? Was für Rechte haben Angehörige und Heimleitungen?  Das waren die Fragen, die Kätti Gamp, Vize-Präsidentin des Forums der Älteren,  an die beiden Vortragenden stellte.

In seinem Vortrag beleuchtete Samuel Vögeli, Geschäftsleiter Alzheimervereinigung Aargau, die neue Rechtslage für ältere Menschen. Ab 1. Januar 2013 gilt das neue Erwachsenenschutzrecht. Es löst das bestehende Vormundschaftsrecht ab. Dieses besteht seit 1912 (!) unverändert und es entspricht dem heutigen Verständnis und Empfinden nicht mehr.

Samuel Vögeli stellte die neuen Begriffe wie den Vorsorgeauftrag, 5 verschiedene Arten von Beistandschaften, die  fürsorgerische Unterbringung nebst den bekannteren wie Patientenverfügung, Betreuungsvertrag  vor und erläuterte diese.

Für Notfälle 24 Stunden erreichbar sein…

Jetzt ist der gewählte Gemeinderat die Vormundschaftsbehörde.

Ab neuem Jahr wird es eine Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) geben. Das ist eine interdisziplinäre Fachbehörde mit mindestens drei Mitgliedern (aus den Bereichen Recht, Sozialarbeit, Psychologie). Sie muss 24 Stunden erreichbar sein. Im Kanton Aargau wird diese Fachbehörde durch die Familiengerichte (Abteilung der Bezirksgerichte) verkörpert. Die Abklärungen des Problems liegen weiterhin bei den Gemeinden (Sozialamt, Jugend-, Ehe- und Familienberatungsstellen) zuhanden der KESB. Die Mandatsführung liegt auch hier bei den Gemeinden.

Melderecht oder Misstrauens-Paradigma im Gesundheitswesen?

Dazu gibt es ein allgemeines Melderecht: Jede Person kann der KESB Meldung erstatten, wenn eine Person hilfsbedürftig erscheint oder eine ärztliche oder pflegerische Massnahme als unverhältnismässig erscheint. Ärztinnen und Ärzte und weitere Personen, die in Berufen des Gesundheitswesens tätig sind, können zum Schutze von Kindern und Erwachsenen von ihrer Schweigepflicht entbunden werden.

Chancen und Risiken

Nebst den Chancen wie Förderung zur  Selbstbestimmung, Stärkung der Familiensolidarität, Schutz der Urteilsunfähigen bzw. Schutz der Persönlichkeit,  Freiheitsbeschränkungen als ultima ratio wies der Referent kritisch auf die Risiken dieser neuen Rechtsbestimmungen hin: Überhandnehmen der Administration, damit  weniger Ressourcen für persönlichen Kontakt, Therapie, Prävention (z.B. Psychiatrie), Stärkung des Misstrauens-Paradigma im Gesundheitswesen (z.B. Frage: Was führt wirklich zu besserer Qualität in der Pflege?), Scheinsicherheit: (z.B. falsche Vorstellungen, was Patientenverfügungen leisten können).

Das nicht mehr selbstbestimmte Leben

Brigitta Bhend-Küng, Geschäftsleiterin der Unabhängigen Beschwerdestelle Alter UBA, Zürich und Schaffhausen, berichtete im zweiten Vortrag des Abends von nicht mehr selbstbestimmtem Leben und von Lösungen in diesem Problemfeld. Wie funktioniert diese UBA: Die UBA  ist ein Verein, politisch und konfessionell neutral. Die Trägerorganisationen sind Curaviva, Spitexverband, Pro Senectute und das SRK. Die Finanzierung der Regionalstelle Zürich / Schaffhausen ist dank einem Leistungsauftrag des Kantons Zürich, den Städten Zürich und Winterthur und den Mitgliederbeiträgen gesichert.  Die UBA ist aber auch gesamtschweizerisch vernetzt. Die Dienstleistung erfolgt kostenlos.

Konflikte? 058 450 60 60

Die Ziele der UBA sind: vermitteln, schlichten und beraten bei Konfliktsituationen, Hilfe bei Übervorteilung, entwürdigender Behandlung, Übergriffen, Misshandlung, Probleme und Gewalt im Alter sowie Sensibilisieren und Prävention zu Problemen und Gewalt im Alter. Ihre Kundinnen und Kunden sind  Betagte, Angehörige und in der Altersarbeit  tätige Menschen aus allen Lebensbereichen.

Aber auch in Institutionen des Heim-, Spitex- und Altersbereichs kann es zwischen den Beteiligten  zu Spannungen und Konflikten kommen.  Hierfür gibt es im Aargau eine unabhängige Ombudsstelle. Ziel und Aufgabe der Ombudsstelle ist es, mitzuhelfen Spannungen abzubauen und Konflikte zu lösen. Diese Stelle wird von der Juristin und Erwachsenenbildnerin  Verena Enzler geführt.

Die Angst „nein“ zu sagen…und die Würde alter Menschen

Anhand von Beispielen aus dem Praxisalltag erläuterte die Referentin die Arbeitsweise der Beratungsstelle. Ihr zur Seite steht eine Fachkommission. Diese bearbeitet ehrenamtlich die Beschwerden z. Bsp. in Rechtsfragen: Juristen, in medizinischen Fragen: Ärzte, Psychiater, in der Pflege: Pflegefachpersonen mit Erfahrung im Altersbereich und Führung usw. Dabei gilt es immer die Würde alter Menschen, wie immer ihr gesundheitlicher Zustand und ihre Lebenssituation sein mag zu respektieren, aber ebenso deren  Selbstbestimmung auch bei reduzierter Urteilsfähigkeit; denn die  Verletzung der Würde alter Menschen ist eine Form von Gewalt an alten Menschen.

Den beiden Kurzvorträgen folgt eine vom FORÄRA-Vorstandsmitglied Ruth Lerchner geleitete lebhafte Diskussion.

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