Aarau

Das Leben tut mir weh

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Dr. med. Gabriela Popescu, Palliativmedizinerin in der Hirslanden Klinik Aarau und im Tumor Zentrum Aarau

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Dr. med. Gabriela Popescu, Palliativmedizinerin in der Hirslanden Klinik Aarau und im Tumor Zentrum Aarau

Diese Aussage von Sabine Roth (Name geändert), einer 35- jährigen an Krebs erkrankten Patientin, war kurz vor Ostern Ausgangspunkt der Ausführungen zum Thema „Chancen und Grenzen der palliativen Medizin, einem öffentlichen Themenabend der Reformierten Landeskirche Aargau,  in Aarau.

Dr. med  Gabriela Popescu, Palliativ-Ärztin in der Hirslanden Klinik Aarau und im Tumor Zentrum Aarau wies auf das vierdimensionale Modell in der Palliative Care hin. Die Betreuung und Begleitung des kranken und leidenden Menschen mit seinen physischen, psychologischen, sozialen und spirituellen Bedürfnissen steht im Zentrum. Erst wenn die unterschiedlichen Dimensionen von Schmerz erkannt werden, kann dieser wirkungsvoll behandelt werden. Sie zeigte die verschiedenen Facetten von Schmerz anhand eines Puzzles auf.  Vorlieben und Prioritäten von Menschen variieren, deshalb versuchen alle Beteiligten des Betreuungsteams bestmöglich auf die individuellen Bedürfnisse des  schwerkranken oder sterbenden Menschen einzugehen.

Die Filmausschnitte aus dem Film „Ich sehe Dich“ zeigten anschaulich wie die multi-professionelle Zusammenarbeit von Fachpersonen der Medizin, Pflege, Beratung, Seelsorge und Therapie in der Palliative Care praktiziert wird. Im Konzept der palliativen Betreuung werden die  Anliegen und Fragen der Angehörigen selbstverständlich miteinbezogen. Denn auch die Angehörigen brauchen Unterstützung, Beratung und Entlastung. Einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Angehörigen, resp. als Ergänzung der palliativen Teamarbeit, leisten freiwillige Begleitpersonen.

Den Wünschen und Bedürfnissen des kranken Menschen wird in der Palliativmedizin mit grossem  Respekt begegnet.  Selbstbestimmung, das Eingehen auf die Wünsche und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten haben Priorität und sollen bis zuletzt gewahrt werden.  Deshalb geschieht die Behandlung des Patienten immer im gegenseitigen Einvernehmen. Weitere Schritte werden gemeinsam besprochen.  Sein Wille und seine Wünsche sind entscheidend. Was ist ihm wichtig? Schmerzfreiheit, Ansprechbarkeit, bei Bewusstsein sein, schlafen können?

Gabriela Popescu erläuterte die Möglichkeiten der palliativen Medizin an den Grenzen des Lebens.  Z.B. die palliative Sedierung, die Schmerzen und andere Symptome erträglich macht und sehr gezielt für mehrere Stunden oder längere Zeitabschnitte vorgenommen werden kann.

Für Sabine Roth, die zeitlebens ein Bewegungsmensch war, bereitete das ans Bett gebunden zu sein auch psychisch Schmerzen. Sie litt darunter, sich nicht mehr im Freien, in der  Natur bewegen zu können. Ein Ausflug im Rollstuhl, entlang der Aare, den kühlen Wind im Gesicht spürend, bereitete ihre grosse Freude.  Den Duft der Natur, die frische Luft , alles nahm sie dankbar auf und sank danach erschöpft, aber glücklich, in ihr Kissen des Spitalbettes. Frau Roth bestimmte wen sie wann und wie lange an ihrer Seite haben wollte. Alle ihre Angehörigen (Ehemann, Eltern, Geschwister, Freunde, Patenkinder) durften sie besuchen, wann immer sie es wünschte.

Sabine Roth wollte von ihren Liebsten und den wichtigen Menschen in ihrem Leben bewusst Abschiednehmen.  Zusammen mit der Seelsorgerin, die auch ein Teil des palliativen Teams war,  konnte sie über die Trauer des Abschieds sowie über ihre innersten Ängste sprechen. Ihr Leben, der bevorstehende Abschied mit den damit verbundenen Fragen wurde in einem grösseren Zusammenhang betrachtet. Dankbarkeit, Trauer, alles konnte sie offen und vertrauensvoll ansprechen.  

Dank der palliativen Sedierung, die auf ihren Wunsch vorgenommen wurde, war es möglich, dass sie in den letzten zwei Wochen ihres Lebens einen Teil des Tages schlief und jeweils am Nachmittag, wenn ihr Mann bei ihr sein konnte, wach war, um mit ihm zu sprechen. Sie wünschte und genoss diesen Austausch bis zum Schluss. Ihr Sterben war schlussendlich ein friedliches Einschlafen.

Das ist ein Beispiel wie durch die Palliative Care auf den Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben eingegangen werden  kann. Palliative Care beinhaltet medizinische und pflegerische Interventionen sowie psychosoziale und spirituelle Begleitung durch Angehörige, die Beglei-tung innerer Prozesse durch die Seelsorge und beratende Dienste. Falls dies gewünscht wird, besteht auch das Angebot von Freiwilligen des Kantonalen Palliative Care- Begleitdienstes, die durch die langen Nächte am Bett wachen. Sterben ist ein zentraler Teil des Lebens, in dem oftmals Vergangenes noch einmal gewürdigt wird und wichtige Menschen und Erfahrungen erinnert werden. Der Übergang im Sterben ist mit Ungewissheit und Angst verbunden, aber manchmal auch mit Vorfreude auf den Ort, an dem kein Leid und keine Tränen mehr sein werden.

Pfrn. Dr. theol. Karin Tschanz, Aarau, 7.4.15,

Informationen zu weiteren Öffentlichen Themenabenden, zum Kantonalen Palliative Care Begleitdienst und zum neuen Lehrgang in Palliative und Spiritual Care für Fachpersonen der Medizin, Pflege, Beratung, Seelsorge und für Freiwillige, Beginn 4.5.15 zu finden unter:  www.palliative-begleitung.ch.

Für weitere Auskünfte:

Pfrn. Dr. theol. Karin Tschanz, Co-Vize Präsidentin palliative ch, Ausbildungsleitung Palliative und Spiritual Care, Reformierte Landeskirche Aargau Tel. 076 324 82 99, Mail: karin.tschanz@ref-aargau.ch

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