Eine Grösse des lokalen Volkstheaters hat sich entschieden, ihr Engagement zu reduzieren. Romy Schibli stellt an der Generalversammlung der Theatergesellschaft Wettingen (TgW) das Präsidentenamt und die Regie zur Verfügung.

Als Präsidentin hat sie mit grossem Engagement während 8 Jahren die TgW geführt. Sie ist nicht nur die erste Frau, die den traditionsreichen Verein präsidierte, sondern wohl auch die Dienstälteste; mit eingerechnet die Jahre als Jugendliche. Nachgefragt, seit wie vielen Jahren sie denn eigentlich dabei sei, muss Romy kurz nachdenken: „Zum ersten Mal auf der Bühne habe ich mit fünf Jahren gestanden, aber das zählt ja nicht.“ Die TgW zählt Mitgliedsjahre erst ab Erreichen des 16. Lebensjahres. Die inoffizielle Mitgliedsdauer weiss sie somit selbst nicht so genau.

Frage: Wann und welche Rolle war deine erste?
Ehrlich gesagt, weiss ich das nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass ich in einer meiner ersten Rolle, einem Mitspieler eine Ohrfeige geben musste. Das gelang aber bei  den Proben einfach nicht richtig. Bei der ersten Vorstellung jedoch, dank meiner Nervosität, war sie viel zu stark. Wir erschraken alle und mussten uns das Lachen verkneifen, und darob vergass ich beinahe meinen Text. Irgendwie hatten wir es dann doch geschafft. Dem Publikum entging unsere kleine Panne.

Frage: Hattest du in all deinen vielen Auftritten eine Lieblingsrolle?
Habe jede Rolle gern gespielt. "Poly" das Charleston-Girl im Stück 'Und das am Hochzytsmorge'. Wenig Text aber viel Präsenz. Oder als "Düvel". Im Stück 'Irgenwo im Nirgendwo'. Viel Text. Als Teufelin durfte ich eklig sein und auch herzhaft lachen. Das gefiel mir sehr. Meine beiden Theater-Männer: Leo Jud und Bruno Hauenstein, mit denen ich x-mal verheiratet oder sonst irgendwie verwandt war, werden mir schon etwas fehlen.

Das Amt als Präsidentin wurde Romy Schibli möglicherweise in die Wiege gelegt; schon ihr Vater prägte das Wettinger Volkstheater über viele Jahre und brachte seine Tochter schon in ganz jungen Jahren immer wieder auf die Bühne. Mit 16 durfte sie dann endlich Aktivmitglied werden. Sie genoss aber keine Privilegien, keine Extras.

Frage: Welche Funktionen hatte dein Vater in der TgW?
Romy: Fast alle; als Spieler, Kassier, Souffleur, Regisseur und Präsident. Er war seit dem Gründungsjahr 1957 dabei.

Frage: Welche Funktionen hattest du, und welche die anspruchsvollste?
Ich habe mit Los verkaufen angefangen. Bei 4 Produktionen habe ich souffliert. Danach war ich bei einigen Aufführungen als Spielerin auf der Bühne. Als mein Mann starb (2005) wollte ich nicht mehr selber spielen. Ich habe einen Schminkkurs belegt, und war danach für das Makeup unserer Spieler/innen verantwortlich. Später dann, durfte ich die Regie übernehmen und war bei 10 Produktionen dafür verantwortlich. 2 Mal musste ich kurz vor den Aufführungen eine Rolle übernehmen, weil eine Spielerin ausfiel. Das waren spezielle Herausforderungen.
Die anspruchsvollste Aufgabe war sicher die Regie: Stückwahl, anpassen des Rollenbuches auf unsere Möglichkeiten, Spielerwahl, Rollenfindung mit den Spielern, Vorgaben zum Bühnenbild, Requisiten und Kleider. Und dann die eigentlichen Probearbeiten. Aber der Applaus unserer Zuschauer nach Vorstellungen lässt einem gerne vergessen, Welche Herausforderungen gemeistert wurden – zusammen mit dem ganzen Bühnenteam.
Nun, wenn ich etwas mache, dann mit vollem Einsatz. Das war schon immer so, halbe Sachen sind nicht mein Ding. Daher hat mich jede Aufgabe ausgefüllt. Und –  manchmal kam ich schon an meine Grenzen. (Romy lacht.)

Frage: Warum war 2016 der "richtige" Zeitpunkt, um kürzer zu treten?
Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich bin vor ein paar Jahren Ehrenmitglied der TgW und auch des Zentralverband Schweizer Volkstheater (ZSV) geworden. Natürlich werde ich unseren Verein auch weiterhin tatkräftig unterstützen. Einfach mehr im Hintergrund. Habe ja noch den Job in der Stückwahlkommission und bei den Vorstellungen als Unterstützung von Serviceeinsatz und an der Kasse übernommen. Eigentlich, mehr, als ich ursprünglich wollte. Ich bin also noch da. Mein Bedürfnis, kürzer zu treten, war schon länger da. Aber eine Nachfolge soll und kann man nicht erzwingen, sie muss sich ergeben. Und nun ist es soweit. Jetzt kann ich beruhigt loslassen was mir sehr viel Herzblut bedeutet. Nun werde ich mich mehr dem Reisen und Privatleben widmen, was schon lange mein Wunsch war.

Für eine neue Regie hinterlässt Romy Schibli grosse Fussstapfen. Ihr Gespür für das Darstellen von Charakteren ist bemerkenswert. Sie konnte, beim Herauskitzeln von Details, hartnäckig sein, bis diese ihren Vorstellungen entsprachen. Das wurde von den Darstellern durchaus geschätzt, wohl wissend, dass sie so auf der Bühne glaubhaft wirken. Auch legte sie immer sehr viel Wert für ein stimmiges Bühnenbild. Das Bühnenbauteam der TgW war oft gefordert und kann davon "ein Lied singen". Der Einsatz aller Beteiligten wurde letztendlich bei den Vorstellungen – jeweils im Januar – immer belohnt.

Frage: Was gefällt dir am Theater so gut, auch nach so vielen Jahren?
Alles! Das Arbeiten im Team, zusammen auf etwas hinarbeiten und sich gemeinsam über den Erfolg freuen. In eine andere Person schlüpfen zu können. Das Lampenfieber, jedes Mal aufs Neue. Auch als Regie und Präsidentin mitfiebern. Die Gänsehaut beim Lachen und Applaus des Publikums. Live
geschehen auch Pleiten, Pech und Pannen. Auch das gehört dazu.

Frage: Hat sich das Volkstheater über all die Jahre verändert? Wenn "Ja", wie?
Ja sehr. Früher wurden fast nur Bauernstücke gespielt. Auch die Kulissenwände waren aus Stoff. Beim Türen auf- und zu machen wackelten die Wände. Akteure welche dahinter auf ihre Einsätze warteten mussten sehr leise sein, damit sie auf der Bühne nicht zu hören waren. Heute haben wir viel stabilere Kulissenelemente aus Holz. Auch Licht- und Tontechnik haben enorme Entwicklungen erfahren. Handys und Computer sind heute normal auf der Bühne. Texte und Handlungen sind freier geworden. Auch Schminken: wir hatten noch den Coiffeur aus dem Dorf, Herr Leimbach. Wenn wir auf Tournee gingen, trafen wir uns vorher bei ihm zum Schminken. Und wenn wir im Casino oder im Winkelried spielten, kam er zu uns. Er war im wahrsten Sinne des Wortes Maskenbildner: Wir bekamen die Schminke manchmal fast nicht mehr ab, die damals für die Bühne noch total übertrieben aufgetragen wurde.
Natürlich hat sich die Arbeit im Vorstand gewandelt: Als Kassier hatte mein Vater ein Milchbüchlisystem: Ein- und Ausgaben. Heute wird das viel professioneller gemacht, mit Budgetierung und so weiter. Es gäbe noch vieles zu erwähnen, aber da müsste ich ein Buch schreiben (Romy lacht).

Frage: Hast du unvergesslich" Momente?
Hunderte in all den Jahren. Gewisse Neueintritte von Mitgliedern jeden Alters, die noch nie auf der Bühne waren und sich so gut in unser Team einfügen konnten. Austritte, die wehgetan haben. Gerne erinnere ich mich an unsere internen Anlässe: Helferreisen, Grilltage, Klaushocks, die verschieden Kurse, die wir organisierten, mit renommierten Kursleitern. Bei so vielen Ereignissen wird man immer wieder überrascht von dem einem oder anderen Mitglied. Was mich heute noch erfüllt, war der Auftritt in der Strafanstalt Lenzburg. Ich weiss nicht mehr, wann das war. Ich war noch keine 20 Jahre alt. Da stand ich auf der Bühne und sah durch das Scheinwerferlicht die Gefangenen. Es war ein ganz besonderes Gefühl. Ihnen etwas Spass zu bringen erfüllte mich mit Zufriedenheit. Und am Schluss bekamen wir immer tolle, selbstgefertigte Geschenke. Ich bekam 'mal eine Schmucktruhe, die ich heute noch habe.
(Sie fügt hinzu:) Ich wünsche unserer "Theaterfamilie" viel gutes Gelingen, Erfolg und auch viel "Unvergessliches". Dem Vorstand und allen Mitgliedern möchte ich danken – für eine grossartige Zusammenarbeit.

Auch die Theatergesellschaft Wettingen dankt Romy Schibli für ihr ausgezeichnetes Engagement – als Präsidentin und Regisseurin über viele Jahre. Wir gönnen Romy ihre vermehrte Freizeit. Gleichzeitig freuen wir uns aber auch auf die weitere Zusammenarbeit.

Mit Rolf Etterlin übernimmt ein geeigneter Nachfolger das Präsidium. Er kennt die TgW seit Jahren – auch in verschiedensten Funktionen.

Erfreulich, dass auch die Regie langfristig gesichert scheint. Für unsere nächste Produktion übernimmt Christian Bolzern die Regie. Jeannine Török wird ihm dabei über die Schulter schauen, möchte sie doch auch 'mal gerne in dieser anspruchsvollen Funktion Verantwortung übernehmen.

Mit der Neubesetzung der beiden Funktionen ist Kontinuität in der TgW gewährleistet; langjähriges Mitgestalten und neue junge Ideen. Davon profitiert sicher auch wieder unsere neue Produktion 'Uf Bali und zrugg' im Januar 2017.