Niederwil (AG)

Corona? – Corona! Vom Schutzkonzept zur Schutzheiligen?

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Reliquie der heiligen Corona

Reliquie der heiligen Corona

Nichts ist mehr wie früher. Wir halten Abstand im Alltag, desinfizieren die Hände, befolgen Schutzkonzepte – gezwungenermassen. Und wir glauben daran. Und hoffen.
 
Früher half nur Beten. Etwa zur Zeit des Klosters Gnadenthal. Grassierenden Pandemien vom Aussatz bis zur Pest konnte man nichts entgegensetzen; man betete und hoffte auf die Hilfe der Schutzheiligen.
 
Hélas! Es gibt eine Heilige Corona!

Mehrere Legenden berichten vom Märtyrertod der jungen Frau in Syrien oder Ägypten im zweiten oder dritten Jahrhundert. Historisch belegen lässt sich nichts. Ob die junge christliche Märtyrerin wirklich Corona hiess oder ob sie erst nach ihrem Tod wegen des strahlenförmigen Heiligenscheins – der Krone einer Märtyrerin – so genannt wurde, verliert sich im Dunkel der Geschichte.
 
Allerdings wurden bereits seit dem ersten Jahrtausend in Bremen und Aachen Reliquien verehrt, die der heiligen Corona zugeschrieben werden. Und es gab auch Wallfahrten zu Ehren der Märtyrerin. Noch heute findet man im Strassburger Münster in einem der riesigen Bleiglasfenster eine Darstellung der Heiligen samt Inschrift. Aber eigentlich – gestehen wir es ein – ist die Märtyrerin längst in Vergessenheit geraten.

Dass die heilige Corona nun ausgerechnet in Zeiten einer Pandemie mit gleichem Namen wiederentdeckt worden ist, wirkt schon fast wie eine gerissene Marketing-Idee. Gut zu wissen: Das Virus hat seinen Namen keineswegs von der Heiligen. Unter dem Mikroskop sieht der Erreger einfach so aus, als würde er von einer Zackenkrone bekränzt.
 
Die Heilige neu entdecken


Während das gleichnamige Virus die Welt in Atem hält, wird auch die Märtyrerin Corona in den Medien fast zu einem Hype. Nicht nur konfessionell orientierte Blätter berichten über die „Patronin gegen Seuchen“. Es ist allerdings eine extreme Verallgemeinerung, die Märtyrerin pauschal als Schutzheilige gegen Seuchen zu vereinnahmen. Corona gilt eigentlich als Schutzpatronin bei Geldsorgen und für Schatzsucher. Angesichts der doch beängstigenden weltwirtschaftlichen Situation kommen jetzt natürlich auch diese Aspekte zum Tragen. „Finanz und Wirtschaft“, ein seriöses Blatt, setzt als pointierten Titel: „Heilige Corona: Bitt für uns!“ Und schreibt weiter: „Den Finanzministern der Kabinette des einst christlichen Abend­landes hülfe dieser Tage somit ein Bittgang zu Corona ebenso sehr wie ihren Kollegen Gesundheitsministern. Schaden kann’s auf keinen Fall.“ – Die heilige Corona hilft bei Geldnöten und Seuchen. Und vielleicht brauchen die Finanzminister ihre Hilfe bald auch als Schatzsucher ... Honi soit qui mal y pense – beschämt sei, wer schlecht darüber denkt.
So nützt denn auch das Aachener Domkapitel die Gunst der Stunde. Man hat den Reliquienschrein, der die Gebeine der Märtyrerin Corona enthalten soll, aus dem Depot geholt, um ihn zu restaurieren und den Besuchern neu im Museum zu präsentieren. Die Gebeine selbst werden allerdings nicht untersucht. Sie befinden sich einem eigenen Behältnis, das versiegelt und verplombt in dem Schrein liegt. 
Corona-Reliquie im Kloster Gnadenthal

Kaum jemand weiß, dass im grossen Reliquienschatz, den die Zisterzienserinnen im Kloster Gnadenthal nach der Aufhebung zurückgelassen haben, auch eine Reliquie der heiligen Corona zu finden ist. Die Nonnen im Gnadenthal waren ja bekannt dafür, Reliquien mit kostbarem Zierrat für die Verehrung durch die Gläubigen aufzuarbeiten. Man denke an den heiligen Synesius in Bremgarten oder die heilige Justa im Gnadenthal. Die Reliquie der heiligen Corona ist ein hervorragendes Beispiel für eine unterbrochene Arbeit. Der Knochen (die Reliquie, die Überreste; konkret: das Schulterblatt) wurde, wie die Beschriftung unter der Gaze zeigt, ursprünglich der Märtyrerin Corona zugeordnet („Corona Mar.“). Das erhaltene zusätzliche Zettelchen (caedula) aus der Barockzeit weist die Reliquie als Teil der heiligen Corona – lateinisch im Genitiv: „Stanctae Coronae M[artyris].“ – aus. Es anzunehmen, dass auch dieses Teil von den Nonnen mit anderen Reliquien, kunstvoll drapiert und ausgeschmückt, in einen Reliquienschrein eingearbeitet worden wäre. Ausgeführte kostbare Beispiele solcher Reliquiare gibt es samt den amtlichen Beglaubigungsschreiben jedenfalls im ehemaligen Kloster Gnadenthal. Die Reliquien des Klosters, einem eidgenössischen Kulturdenkmal, sind wertvolle Kulturgüter und beredte Zeugnisse der Volksreligiosität im Freiamt. Noch immer fehlt allerdings eine nur ansatzweise exakte Aufarbeitung des Reliquienschatzes.

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